taz.de -- Die Kunst der Woche: Stimmen und Zungen

In der Galerie Levy präsentiert frühe Arbeiten von Katalin Ladik, bei BQ zeigt Bojan Sarcevic das Bedrohliche in Struktur und Form.

Bild: Katalin Ladiks Triptychon „Androgin“ in der Ausstellung „Poemim“, LEVY, Berlin, 2026

Zur Eröffnung am Freitagabend konnte man sie sogar live performen sehen. Sehen und vor allem hören, die ungarisch-serbische Künstlerin Katalin Ladik. Gurrend, fauchend, kreischend, hechelnd, singend trug sie da eine Auswahl von Klanggedichten vor, bei denen ihr Zeichnungen und Collagen als Partituren dienten.

Fast vergessen waren die vielfältigen, für die feministische Avantgarde wegweisenden Arbeiten Ladiks lange Zeit. Katalin Ladik, geboren 1942 in Novi Sad, machte zunächst eine Ausbildung zur Bankangestellten, begann mit 20 zu schreiben, arbeitete als Radiomoderatorin und Schauspielerin, entwickelte dann nach und nach ein eigenständiges Werk rund um Sprache und deren Klang. Und um den Körper, ihren Körper, weibliche Schönheitsideale dekonstruierend.

2017 wurde sie bei der documenta 14 ausgestellt. Bekannter noch machte sie eine große Retrospektive 2023 im Haus der Kunst in München. [1][„Ooooooooo-pus“ wanderte im Anschluss ins Ludwig Forum Aachen] und ins Moderna Museet nach Stockholm. In der Levy Galerie in Moabit ist nun erstmals eine Einzelausstellung Ladiks zu sehen, Fotoarbeiten, hörbare Collagen – aus Schnittmustern sind viele von ihnen gefertigt –, Videos, hauptsächlich aus den 1970er Jahren.

In „Poemim“, der Fotoserie der titelgebenden Arbeit, quetscht sie ihr Gesicht in Grimassen mit einer Glasscheibe platt, verzerrt es radikal. Für das Triptychon „Androgin“ spiegelte sie sich, ihren Kopf, ihren Rumpf zu androgynen Kugelwesen. Oder sind es doch Os? Denen widmete sie im Jahr 1972 die Videoarbeit „O-Pus“, nach der auch die erwähnte Retrospektive benannt ist: Acht Minuten für den Buchstabe O visuell wie auditiv – kurz oder lang, sanft oder hart, laut oder leise, fragend oder fordernd – breitet sie dort aus. Fest hakt sich das in Augen und Ohr.

Inkarnationen allgegenwärtiger Bedrohung

In der Ausstellung von [2][Bojan Sarcevic] bei BQ scheint es im Vergleich mit Katalin Ladiks Arbeiten nur noch Spuren von menschlichen Körpern zu geben. Darauf deuten die abgewetzten Lederjacken hin, die der bosnisch-französische Künstler über an Architektur erinnernde Konstruktionen aus Alu-Dibond gepfeffert hat. Vertrieben haben sie vielleicht die silbrigen Schlangen, die unheilvoll aus Ärmeln und Jackentaschen hervorzüngeln oder sich um sich selbst winden.

Nicht als Metaphern für Gefahr, sondern als „Inkarnationen einer allgegenwärtigen und unvermeidlichen Bedrohung“ seien diese zu verstehen. So steht es im Text, der in großen Buchstaben an die Wand gedruckt ist. Sarcevic verweist auf den „psychologischen Druck, der aus Systemen entsteht, die ihren eigenen Schaden leugnen“.

Lange schon benutzt Sarcevic Readymades wie auch Nachbildungen historischer Artefakte, die er in neue Zusammenhänge fügt. Details aus mittelalterlichen Reliefs, in denen monströse Biester die Zähne fletschen, hat er aus versilberter Bronze in Druckerpapierfächer eingelassen. Das Böse, das Bestrafende schlummert im Verwaltungsapparat. Es hat System.

3 Mar 2026

[1] /Wiederentdeckte-Kuenstlerin-Katalin-Ladik/!5997946

[2] https://taz.de/Fotokopierer-ausser-Dienst/!5674665

AUTOREN

Beate Scheder

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