taz.de -- Iranische Reaktionen: Zwischen Jubel und Furcht

Die Angriffe Israels und der USA sorgen in Iran für gemischte Gefühle. Viele haben diesen Moment ersehnt. Doch zugleich herrscht Angst vor einer brutalen Reaktion.

Bild: Ab jetzt alles möglich, nichts berechenbar: In Teheran beobachten Menschen auf einem Hausdach, wie nicht weit entfernt von ihnen nach einer Explosion Rauch aufsteigt

„Es hat begonnen. Endlich“, schreibt Zara Kuhestani an diesem Samstag um 10 Uhr morgens, Ortszeit. Sie sitzt im Büro eines Buchhaltungsunternehmens im Zentrum einer iranischen Großstadt, doch kaum jemand arbeitet. Stattdessen starren alle auf ihre Smartphones. [1][Die ersten Explosionen in Teheran sind zu sehen], unter anderem wurde das Regierungsgebäude des obersten Führers Ali Chamenei getroffen. Der Krieg mit den USA und Israel hat offiziell begonnen.

Kuhestani und ihre Kollegen ahnen zu diesem Zeitpunkt bereits, dass das Regime die Internetverbindung bald kappen wird, so wie es auch schon während der Proteste und des 12-Tage-Kriegs geschah. Sie nutzen die letzten Minuten, um Freunden und Familie zu schreiben.

Vor allem jüngere Iraner, wie Zara Kuhestani, die hier aus Sicherheitsgründen einen anderen Namen trägt, haben auf diesen Moment lange gewartet. Jedenfalls seitdem Donald Trump den Demonstranten Anfang Januar versprach, Hilfe sei „unterwegs“. Während der [2][Verhandlungen zwischen den USA und dem iranischen Regime] verfolgte Kuhestani nervös die neuesten Entwicklungen und schrieb: „Ich weiß, dass die Verhandlungen nur eine Show sind. Aber ich habe es satt, jeden Tag die Nachrichten zu checken. Die sollen sich mal beeilen“.

Jetzt, wo es „endlich“ so weit ist, sind die Gefühle gemischt. Auf Social Media kursieren Videos, in denen Iraner die aufsteigenden Rauchwolken filmen und dabei jubeln. Ein Video aus einem Teheraner Schulhof zeigt Kinder, die „Sie haben die Mullahs getroffen“ und auf Englisch „I love Trump“ rufen. Auch Menschen, die vor Freude auf offener Straße tanzen, sind zu sehen.

Man kann sich nur ausmalen, was dazu geführt hat, dass so viele Menschen Bombenangriffe aufs eigene Land als Befreiung wahrnehmen. Dahinter verbergen sich Jahrzehnte ungeheuerlicher Unterdrückung, alltäglicher religiöser Bevormundung und Ausbeutung der Ressourcen des Landes.

Selbst Trump scheint nicht zu wissen, was er sich von dem Angriff erhofft

Weniger sichtbar als der Jubel sind jedoch die Sorgen und Ängste, die viele Menschen plagen. Denn schließlich ist ab jetzt alles möglich, nichts berechenbar. Selbst der wohl mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Donald Trump, scheint nicht so recht zu wissen, was er sich von einem Angriff erhofft: Iran wieder einen Deal nach eigenen Vorstellungen aufzwingen? Gar einen „regime change“?

Sohrab Rostami, ein 30-jähriger Softwareentwickler, ist deshalb besorgt – nicht um sein eigenes Leben, sagt er, sondern um sein Land. Auch Rostami will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Wie viele andere Iraner hat er die Brutalität des Regimes aus erster Hand miterlebt. Er glaubt, dass nur ein Krieg das Regime derart schwächen kann, dass die Demonstranten eine realistische Chance haben, es zu stürzen. „Das ist meine größte Hoffnung. Aber auch das Gegenteil ist möglich: ein noch brutaleres Regime, Chaos, Tausende Tote.“

Noch mehr als vor US-amerikanischen Kampfjets fürchtet sich Rostami vor seiner eigenen Regierung. Und vor den Gräueltaten, zu denen sie im Krieg fähig ist. Seit Wochen kursiert in den iranischen sozialen Medien die These, dass das Mullah-Regime Angriffe gegen Wohnviertel im eigenen Land fahren würde, um die Toten anschließend als Opfer der USA zu präsentieren. Manche Eltern wollen ihre Kinder daher nicht mehr in die Schule schicken.

Nun haben iranische Staatsmedien tatsächlich gemeldet, dass bei einem US-amerikanischen Raketenangriff mehrere Schülerinnen getötet worden seien. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Auch Rostami konnte die taz zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht mehr erreichen, da das Internet im ganzen Land bereits abgeschaltet war.

Der Fall des Regimes ist unwahrscheinlich

Einigkeit gibt es bei allen Beteiligten zumindest bei einer Frage: Der Fall der Islamischen Republik allein durch Luftschläge ist unwahrscheinlich. Deshalb haben die iranischen Machthaber einen Krieg mit den USA überhaupt erst in Kauf genommen, anstatt sich einem Deal nach Trumps Diktat zu beugen. Und deshalb hoffen die israelische und die US-amerikanische Regierung offenbar, dass es [3][die iranische Bevölkerung selbst] sein wird, die das Ganze zu Ende führt.

In einer Video-Ansprache appellierte Trump heute Morgen an die Iraner: „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung. Sie wird euch gehören. Das wird wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen sein.“ Zur selben Zeit sagte Netanjahu, die Militärschläge verfolgten das Ziel, dass die „Iraner ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen“.

[4][Bereits in den vergangenen Tagen haben an iranischen Universitäten wieder Massenproteste stattgefunden]. Die Studenten riefen unter anderem „Tod der Islamischen Republik“ und „[5][Pahlavi] wird zurückkehren“ und zeigten die alte Nationalflagge mit Löwen und Sonne. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass der militärische Konflikt, je länger er anhält und je weiter er eskaliert, auch das Gegenteil herbeiführt: Resignation oder sogar Solidarität mit der eigenen Regierung. Krieg bleibt unberechenbar.

28 Feb 2026

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[5] /Iranische-Opposition/!6155059

AUTOREN

Teseo La Marca

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