taz.de -- Die Wahrheit: Die Hütte über der ganzen Scheiße

Das Winterdomizil liegt abgeschieden auf einem Berg im Wald. Nur der Abpumpwagen dringt in das Eremitendasein des Waldschrats ein.

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Bevor jetzt bald mal wieder der Frühling kommt, will ich noch fix meinen Winter in der Holzhütte resümieren. Umständehalber residierte ich dort in den vergangenen Monaten jedenfalls beinahe durchgehend, tief im Wald und oben auf einem Berg – im Prinzip also permanent in einer Wolke. Mein Versuch, in abgeschiedener Einsamkeit ein wunderlicher Schrat zu werden, wurde von vier Dingen sehr gefördert.

Erstens half das Haus selbst, weil es mir gewissermaßen unter dem Arsch wegfault. Überall nistet der Pilz, wahlweise der Schwamm, brechen mir Bohlen weg, pfeift der Wind durch die dünnen Wände und knistert’s im Gebälk. Ich habe bereits so viel Holz nachgebessert, dass sich mein „Schiff des Theseus“, wie ich es manchmal liebevoll nenne, in ein philosophisches Paradoxon verwandelt. Wenn ich nach und nach jedes Teil ersetze, ist es dann überhaupt noch dasselbe Haus wie bei meinem Einzug?

Zweitens die Pflanzen, namentlich die alte Silberpappel. Der Baum hat drei Stämme und ist gegen seine Hinfälligkeit mit einem Gurt gesichert, dessen Klammergriff ihn bei jedem Windstoß leidend winseln und seufzen lässt. Irgendwas scheuert da ganz schrecklich, aber die verdammte Pappel hat’s nicht besser verdient. Ihre Blätter verstopfen mir jeden Herbst alle Regenrinnen, zu deren Reinigung ich aufs Dach steigen und mich wie ein Bergsteiger abseilen muss. Wenn da was passiert, wird man mich erst nach Tagen finden. Oder nie, wie Laura Dahlmeier.

Verwöhnte Tiere

Drittens treiben mich die Tiere allmählich in den Wahnsinn, vor allem die Vögel. Die laut Hersteller „leckere“ Futtermischung wird von den angeblich so gefährdeten Halunken weitgehend verschmäht. Das Vogelhaus und seine Umgebung sieht immer aus wie Sau. Hirse, Hafer, Weizen, Sonnenblumenkerne oder getrocknete Insekten treffen nicht den Geschmack der Gefiederten und landen auf dem Boden. Erdnüsse sind okay, aber nur ungesalzen und blanchiert. Die Spechte wiederum mögen nicht einmal das, sie perforieren seelenruhig die Silberpappel. Manchmal hätte ich gern eine Zwille.

Viertens hilft Detlev, der alle Jubeljahre mit dem Tankwagen vorbeikommt und meine Sickergrube leert. Ich selbst wuchte nur ungern die Betonplatte beiseite, um einen Blick in den mit der Summe meiner Ausscheidungen gefüllten Abgrund zu tun. Aber Detlev hat sozusagen ein Näschen für den jeweiligen Füllstand. Neulich war ich wieder einmal in einer Zoom-Konferenz mit Kollegen in Hamburg und Berlin. Gerade diskutierten wir heikle Fragen der Restitution, also die rechtlichen und moralischen Grundlagen einer Rückgabe kolonialer Raubkunst, in geistiger Nachfolge also von Frantz Fanon und Edward Said, als Detlev den Kopf zur Tür hereinsteckte und brüllte: „Mahlzeit! Ick pump dir jetzt fix die Scheiße weg, dann haste wieder Ruhe!“

Im Affekt habe ich ihn mit der Schaufel erschlagen und neben dem Kompost begraben. Die Erde war weich. Der Frühling kommt.

27 Feb 2026

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Arno Frank

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