taz.de -- Empörung über Festival-Preisträger: Wer der Berlinale wirklich schadet
Die klugen Entscheidungen der Jury und kritische Filmemacher haben die diesjährige Berlinale gerettet. Deutsche Politiker beschädigen sie mit ihren Reaktionen.
Bild: Palästina-Fahne zum Abschluss: Der Regisseur Abdallah Alkhatib erhielt bei der Berlinale den Preis für das beste Spielfilmdebüt
Die deutsche Politik empört sich mal wieder über die Berlinale. [1][Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ während der Preisverleihung den Saal], Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schäumten über angeblichen „Israel-Hass“, und Alexander Hoffmann, Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, sprach von „Drohungen“ und fordert Konsequenzen. Oh weh.
Die Berlinale war einmal stolz darauf, ein politisches Filmfestival zu sein. Lange war es die erste Adresse für iranische Regisseure, deren Filme im eigenen Land verboten wurden. 2023 zeigte sich die Festivalleitung demonstrativ solidarisch mit den Menschen in der Ukraine und den Protestierenden im Iran, organisierte Soli-Fotos auf dem roten Teppich und Panels zur Lage in beiden Ländern, sie ließ sogar Ansteck-Bären-Pins in den ukrainischen Nationalfarben verteilen. Doch [2][seit dem 7. Oktober 2023 hadert sie mit ihrem hehren Anspruch].
Die aktuelle Leiterin, die US-Amerikanerin Tricia Tuttle, hat es besonders schwer. Die deutsche Politik erwartet von ihr unverhohlen, dass sie allzu deutliche [3][Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in Gaza] und Kritik an der deutschen Staatsräson bei der Berlinale möglichst unterbindet – und sie finanziert schließlich das Festival. Damit hat sie ein Druckmittel zur Hand.
Erinnerung als Bedrohung?
Es ist nachvollziehbar, dass deutsche Politiker wie Carsten Schneider nicht an die deutsche Mitschuld am Genozid in Gaza erinnert werden wollen. Überraschend ist, wie vielen deutschen Filmjournalisten es ähnlich geht. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland legte der Berlinale (in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3Sat) sogar nahe, dem Journalisten Tilo Jung die Akkreditierung zu entziehen, weil dieser ihm zu kritische Fragen stellte.
Andere [4][fühlen sich wie der CSU-Politiker Hoffmann „bedroht]“, weil der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Dankesrede sagte, man werde sich an jene erinnern, die zum Völkermord in Gaza schwiegen. Erinnerung als Bedrohung? Da spielt manchen wohl das eigene schlechte Gewissen einen Streich.
Doch offene Debatten lassen sich zum Glück nicht so einfach unter dem Deckel halten. Es waren die [5][klugen Entscheidungen der Jury], kritische Filmemacher und Journalisten, welche die diesjährige Berlinale gerettet haben. Politiker wie Weimer, die kritische Künstler im rassistischen Duktus als „Pali-Aktivisten“ abkanzeln und ihnen den Mund verbieten wollen, [6][schaden dagegen dem Ansehen der Berlinale]. Sie sollten sich über deren drohenden [7][Bedeutungsverlust] dann nicht wundern.
23 Feb 2026
LINKS
[1] /Abschluss-der-Berlinale/!6156518
[2] /Nach-Israel-Aeusserungen-auf-Berlinale/!5992242
[3] /Empoerung-ueber-die-Berlinale/!5992151
[4] /Politik-auf-der-76-Berlinale/!6156626
[5] /Goldener-Baer-fuer-Ilker-Catak/!6156533
[6] /Der-Gaza-Krieg-in-der-Kultur/!6155609
[7] /Beginn-der-76-Berlinale-Aus-Liebe-zum-Kino-die-eigene-Groesse-behaupten/!6153613
AUTOREN
Daniel Bax
Gala
Schwerpunkt Iran
Ukraine
Gaza
Solidarität
Tricia Tuttle
Kunstfreiheit
Meinungsfreiheit
ARTIKEL ZUM THEMA
Meinungsfreiheit in Deutschland: Faesers fatales Vermächtnis
Der Slogan „From the River to the Sea“ ist seit 2023 verboten – mit massiven Folgen. Die Begründung ist aber dünn, wie eine Anfrage der Linken zeigt.
Palästinensische Literatur: Wenn die Sprache versagt
Das langjährige Programm „Goethe-Institut im Exil“ wurde kurzfristig eingestellt. Eine gecancelte Lesung in Berlin fand deshalb an anderem Ort statt.
Druck von Kulturminister Wolfram Weimer: „Dann kann man die Berlinale gleich beerdigen“
Muss Festivalchefin Tricia Tuttle ihren Posten räumen? In der Filmbranche regt sich großer Protest, Preisträger İlker Çatak kündigt einen Boykott an.
Kritik an Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle soll gehen
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine Sondersitzung der Gremien einberufen. Hintergrund sind propalästinensische Proteste bei der Berlinale.
Ulf Poschardt zur Berlinale: Alle oder keiner
Wer darf welche Filme mit welchem Geld drehen? Und wer darf sich auf der Berlinale wie äußern? „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt hat mal wieder den Schuss nicht gehört.
Politik auf der 76. Berlinale: Leitung ohne Haltung
Zu Recht ehrt die Berlinale den politischen Spielfilm „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak. Doch sonst fehlt Mut zum Widerspruch bei unhaltbaren Statements.
Abschluss der Berlinale: Macht das Festival seine Arbeit?
Die 76. Berlinale endete mit dem Goldenen Bären für İlker Çatak und seinen Film „Gelbe Briefe“. Unter den politischen Statements auf der Gala gab es diesmal auch Drohungen.
Der Gaza-Krieg in der Kultur: Und wieder ein offener Brief
Über 80 Filmschaffende unterzeichnen einen offenen Brief an die Berlinale. Der Vorwurf: Das Festival positioniere sich nicht ausreichend zu Gaza.