taz.de -- Die Wahrheit: Crash mit dem Tresen-Lambo

Als Espresso-Süchtiger ist der schnelle Mittagskaffee der zweite Sonnenaufgang des Tages. Wären da nicht die desolaten Kaffeemaschinen mancher Cafés.

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Seit einiger Zeit kann ich nicht mehr ohne. Jeden Mittag suche ich eine Bar, um Espresso zu trinken. Die Lust darauf überkam mich aus heiterem Himmel und zu meinem Erstaunen, denn ich war noch nie ein Suchtmensch.

Als Student versuchte ich aus Coolness-Gründen, mir das Rauchen anzugewöhnen. Hätte es einen Kurs gegeben „Endlich Raucher! Nikotinsüchtig in zehn Zügen“, ich hätte mich angemeldet. Doch der Körper wollte nicht – kein Talent zum Rauchen. Nicht mal zur Handysucht reicht’s bei mir: Meine tägliche Bildschirmzeit liegt klar unter den siebzehn Stunden unseres Teenager-Sohns. Espresso aber, den brauche ich.

Vor Jahren erzählte mir der Philosoph Wilhelm Schmid, Glück sei für ihn der Espresso mittags in seinem Lieblingscafé. Das sehe ich genauso. Der Mittags-Espresso ist der zweite Sonnenaufgang des Tages. Als zöge jemand einen Vorhang beiseite und eine Welt voller Möglichkeiten scheint auf. Voraussetzung ist bloß, dass der Espresso gut ist. Hier beginnt das Problem.

Ich liebe Espressobars, habe in vielen Städten welche getestet. In Köln entdeckte ich im Laufe der Jahre ganze fünf, die einen akzeptablen Espresso hinbekommen. Eine Lieblingsbar ist nicht dabei, die befindet sich in Portugal. Am besten schmeckt er mir dummerweise in einer kleinen Eisdiele, wo mittags ältere Herrschaften in grauen Mengen abhängen und über Politik lästern.

Meist aber ist der Espresso in Deutschland mies, besonders in hippen Bars mit jungen Leuten hinterm Tresen, die genauso aussehen, wie auch ich gern aussehen würde. Megamies ist er, obwohl dort oft eine brandneue Siebträgermaschine von La Marzocco thront, das ist der Lamborghini unter den Siebträgermaschinen. Dennoch ist der Espresso dünn und sauer wie … wie … – suchen Sie sich einen passenden Vergleich aus, mir fällt gerade keiner ein, Folge des miserablen Kaffees.

Ob das Personal keinen Führerschein für den Tresen-Lambo hat? Am liebsten würde ich in solchen Fällen die Servicekraft anraunzen: „Euer Espresso ist eine Bedrohung! Meine Sicherheitsinteressen verlangen es, dass eure La Marzocco ab sofort mir gehört!“

Ich bin talentiert darin, Dinge zu tun, für die ich kein Talent habe. Vergangenen Sommer, Canyoning in den Pyrenäen: In 40 Metern Höhe an einer Felswand hängen – eine Nahtoderfahrung. Anschließend am Atlantik der erste Surfkurs meines Lebens, außer mir nur Teenies – ein Debakel. Fürs Espressotrinken jedoch bringe ich alle Anlagen mit.

Längst kann ich es beim Betreten einer Bar riechen, wenn der Espresso grauenvoll sein wird. Hoffnungslos optimistisch, wie ich bin, bestelle ich trotzdem einen. Noch nie habe ich mich geirrt. Zu schade, dass mir diese Fähigkeit so gut wie nie schöne Erlebnisse beschert. Bei meinen Talenten sollte ich den verpulverten Tresen-Lambo einfach stehlen.

18 Feb 2026

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Frank Lorentz

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