taz.de -- Bürokratieabbau: Bloß keine Regeln befolgen

Die Bürokratie wird wachsen, bis es eines Tages nur noch Verwaltungs­angestellte gibt. Ein Zeitreisender verrät unserer Kolumnistin aber eine Lösung.

Bild: „Die Bürokratie wird so lange weiterwachsen, bis sie alles umfasst „

Am Samstagmorgen sitze ich schwitzend über der Benachrichtigung meiner Einkommensteuervorauszahlungsnachzahlung und frage mich, wieso ich mich [1][als Künstlerin um so einen Scheiß kümmern muss].

„Warum dauert das alles so lange?“, fragt Felix.

„Weil ich keine Zeitmaschine habe, so wie du, und ich in meinen Unterlagen nachgucken muss, ob das alles hier so stimmt.“

Mein Freund aus der Zukunft ist ungeduldig, weil er ein historisches Relikt der deutschen Postmoderne besuchen will: den großen Wertstoffhof, auf dem zwei ganz besondere Plastikmüllcontainer existieren – für Folien größer und kleiner als DIN A4.

„Bin gleich fertig“, sage ich. „Diese verdammten Formulare machen mich noch ganz kirre. Ich hoffe, dass die nächste Regierung es mit der Entbürokratisierung ernst meint.“

Die Bürokratie kann sich nicht entbürokratisieren

„Vergiss es“, sagt Felix. „Entbürokratisierung funktioniert nicht. Die Verwaltungsangestellten haben zu viel Angst, Fehler zu machen, einen Präzedenzfall zu schaffen oder im Nachgang verklagt zu werden. Deshalb fordern sie lieber ein weiteres Zertifikat, anstatt eine Sache zu früh zu entscheiden. Von Bürokraten zu verlangen, die Bürokratie zu entbürokratisieren, ist so unmöglich wie von einem Fisch zu verlangen, sich abzutrocknen.“

„Und wie soll das dann weitergehen?“

„Die Bürokratie wird so lange weiterwachsen, bis sie alles umfasst und es eines Tages nur noch Verwaltungsangestellte gibt, die mit der Administration ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind. [2][Der systemübergreifende Clusterfuck].“

„Oh nein! Wann ist es so weit?“

„Im Jahr 2048. Aber dann wird das Problem mit der Grace Hopper Intervention gelöst.“

„Wer ist das?“

„Grace Hopper war eine US-amerikanische Konteradmiralin und Softwareentwicklerin, die für den Ausspruch berühmt ist: ‚Es ist einfacher, um Vergebung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen.‘ Und genau so kommt ihr aus der Bürokratiespirale raus. Salopp gesagt: Ignoriere 90 Prozent der Regeln und der Rest läuft von allein.“

„Aber das würden die Bürokraten nie machen. Deren Daseinsberechtigung ist doch zu überprüfen, ob alle Regeln eingehalten wurden.“

„Deshalb ist mit der Grace Hopper Intervention ein dreijähriges juristisches Moratorium verbunden. Drei Jahre lang können kommunale Verwaltungsangestellte Anträge bewilligen, unabhängig davon, ob die Formalitäten erfüllt sind – ganz nach eigenem Ermessen. Um sicherzustellen, dass dabei Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit nicht untergraben werden, müssen sie ihre Entscheidungen regelmäßig [3][vor einem übergeordneten Bürger*innenrat] argumentativ – nicht juristisch – rechtfertigen. In der Folge explodiert die Effektivität der öffentlichen Verwaltung. In diesen drei Jahren werden so viele Bauanträge, Asylanträge, Windkraftanlagen und Fahrradwege bewilligt, wie sonst in 20 Jahren. Die Wirtschaft boomt, der Arbeitsmarkt floriert. Nach der Intervention werden die besten Prozesse zur neuen Norm und alle anderen Formalitäten obsolet.“

„Aber liegt es nicht in der Natur der Bürokratie, dass sie versucht, die Prozesse danach wieder komplizierter zu machen?“

„Ja, aber das Schöne ist: Eine Grace Hopper Intervention kann man immer wieder anordnen. So machen wir das seit Jahrzehnten. Oder was glaubst du, wie wir die Genehmigung bekommen haben, eine Zeitmaschine zu bauen?“

10 Mar 2026

[1] /Aktivrenten-Plaene-der-Bundesregierung/!6129750

[2] /Buergermeister-ueber-sein-Ehrenamt/!6123516

[3] /Buergerraete-im-Bundestag/!6128538

AUTOREN

Theresa Hannig

ARTIKEL ZUM THEMA

Warum Bürokratie wichtig ist: Hurra, ein Formular!

Bürokratieabbau klingt super, doch was, wenn dadurch Menschenrechte ausgehöhlt werden? Warum der Wunsch nach mehr Effizienz Vorsicht bedarf.

Klima, Karneval, Fußball-WM: So optimistisch könnte 2026 auch aussehen

Donald Trump wird plötzlich Klimaschützer und eine Maus fliegt zum Mond. Kaum zu glauben? Ein Zeitreisender hat es gesehen!

Zeitreise: Nach eigenen Wünschen durch die Traumwelt wandern

Ein Freund aus der Zukunft zeigt unserer Kolumnistin, wie man Träume streamt. Dabei braucht es kaum eigene Fantasie, sondern das richtige Abo.

Autonomer Bürokratieabbau in Unternehmen: Wut, Verwirrung, Unverständnis

Der bürokratische Aufwand für Unternehmen steigt. Die fangen wegen hoher Belastung an, Vorschriften einfach nicht mehr umzusetzen, zeigt eine Studie.

Proxied content from gemini://taz.de/%216154471 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216154471
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.