taz.de -- Neues Album von Kapa Tult: Den Zweifel umarmen
Die Indieband Kapa Tult aus Leipzig findet auf ihrem neuen Album „Immer alles gleichzeitig“ über den Raumklang zu sich selbst. Die Texte liefern Antworten auf die Krisen der Gegenwart.
Bild: Sind sie auch im Sportverein? Kapa Tult
Will ich Kinder oder Karriere? Alles beide oder nichts? Brauche ich eine Zahnzusatzversicherung? Kümmere ich mich genug, um die Krisen der Welt und um meine Mitmenschen? Diese Fragen, dieses Gefühl, dass permanent alles auf einmal passiert, sind der rote Faden von „Immer alles gleichzeitig“, dem neuen Album von Kapa Tult.
Das Quartett, inzwischen in Leipzig ansässig, besteht aus drei Musikerinnen und einem Musiker mit Wurzeln in verschiedenen deutschen Landesteilen. Schon mit dem Albumtitel „Immer alles gleichzeitig“ macht es klar: Entspannung ist nicht drin. Kapa Tult versuchen erst gar nicht, Ordnung in die krisengeschüttelte Gegenwart zu bringen – sie umarmen diesen Zustand.
Musikalisch bewegt sich ihr Werk zwischen Indie, Rock und Pop. Die Band selbst präferiert „Indierock“. Aber sich auf ein Genre festlegen, finden sie schwierig. Die Songs variieren stark: Mal klingt es punkig und direkt wie „Ich will ein Kind von mir“, mal melancholisch wie in „Wolfgang“.
Bassist Raphael Seidel erzählt, dass das Album mit allen Bandmitgliedern gemeinsam live im Studio des Berliner [1][Musikkollektivs Jazzanova] aufgenommen wurde. „Aufnahmen mit der vollständigen Band sind heute eher eine Ausnahme, aber wir wollen das unbedingt.“
Produziert wurde „Immer alles gleichzeitig“ [2][von Moses Schneider, der unter anderem schon mit Tocotronic gearbeitet hat]. Schneider mag den Raumklang, und dessen Unmittelbarkeit ist den Songs von Kapa Tult anzuhören. Die Aufnahmen verleihen ihm einen rohen, trockenden Sound. Dabei vermischen sich mehrstimmige Gesänge mit Keyboardhooks und verzerrten Gitarrensolos.
Beim Anhören fühlt es fast an, als sei man bei einer Probe dabei. Der Band war wichtig, dass ihre Musik nahbar klingt, erzählt sie. Vorbild dafür war etwa der Sound v[3][om Album „Is this it“ von The Strokes.]
Finanzielle Unsicherheit
In den Texten geht es um das, was Millennials und Gen Z umtreibt: finanzielle Unsicherheit zum Beispiel. Damit knüpfen Kapa Tult an ihren Hit „1/2 Cappuccino“ an, bei dem sie davon singen, wie wenig sie sich von den lausigen Streaming-Einnahmen leisten können. Oder es geht um Dating-Frust, PMS, das Gefühl, nicht mitzuhalten. Zeilen wie „Du lügst mich an, ich lüg’ zurück“, oder „Ob unsere Blase wohl eines Tages platzt?“ bringen diese diffuse Überforderung auf den Punkt.
Besonders berührend sind Momente, in denen Zweifel offen ausgesprochen werden: „Ohne mich aufdrängen zu wollen, kann ich vielleicht dabei sein, kann ich vielleicht mitmachen?“ – eine Songzeile, die hängen bleibt, weil sie vielen bekannt vorkommen dürfte.
Sängerin Inga Habiger sagt: „Ich denke so oft: Warum scheinen es alle anderen hinzukriegen, aber ich nicht?“ Aus Unsicherheit entsteht die Stärke der Songs. Kapa Tult wollen keine Antworten liefern, sondern zeigen, dass man mit seinem Hadern nicht allein ist und dann kann man die Angst und den Frust gemeinsam austanzen.
Neu an „Immer alles gleichzeitig“ ist, dass nicht nur Inga Habiger die Songs komponiert hat. „Ich will ein Kind von mir“ stammt etwa von Raphael Seidel, der den Song auch selbst eingesungen hat. Die Genre-Wechsel auf dem Album, der Drang Neues auszuprobieren und die Themen sprechen von einer Leichtigkeit im Umgang mit sich selbst und der Musik.
Auch der Bandname erzählt davon. Wie er enstanden ist? Zufällig, sagt Inga Habiger. Für ihr erstes YouTube-Video, damals noch mit anderer Konstellation in Kassel, habe es beim Hochladen einen Namen gebraucht. Und weil dann alle dachten, die Band heiße so, blieb der Name eben haften. Die Debüt-EP hieß ironisch „Meinten Sie Katapult?“, angelehnt an die Suchmaschinen-Autokorrektur, die bekam, wer nach der Band im Netz forschte. Dass sie sich selbst nicht zu ernst nehmen, auch das eine typische Eigenschaft.
Musikalische Vergleiche drängen sich auf, auch wenn Kapa Tult längst ihren eigenen Sound gefunden haben: tanzbar und rockig [4][wie Blond] oder Kraftklub, an anderen Stellen jazziger, dann wieder erinnert die Synth-Klavierklänge an die Band Von wegen Lisbeth. Aber das sind nur Orientierungshilfen. „Immer alles gleichzeitig“ funktioniert auch ganz ohne Referenzen.
15 Feb 2026
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AUTOREN
Ann-Kathrin Leclere
Indierock
Indiepop
Album
Leipzig
Überforderung
Millennials
Lebenskrisen
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