taz.de -- CDU-Vorstoß zu Teilzeit und Zahnersatz: Schleswig-Holsteins CDA-Vorsitzender gibt Kontra
Andreas Ellendt kritisiert die sozialen Einschnittsforderungen des Unions-Wirtschaftsflügels. Er warnt vor einem Überbietungswettbewerb nach rechts.
Bild: Trat 2019 trat erfolglos als OB-Kandidat für Kiel an: Andreas Ellendt
Manchmal wünscht sich Andreas Ellendt von seinen Parteifreund:innen mehr Seriosität: „Einen Überbietungswettbewerb gegen rechts und links werden wir nicht gewinnen“, sagt der 62-Jährige. 1998 – nach einer verlorenen Bundestagswahl – trat der Kieler, der im Hauptberuf Lehrer für Chemie und Physik am Gymnasium Gelehrtenschule ist, in die Partei mit dem C ein.
Neben Umweltfragen war Sozialpolitik immer sein Thema: „Ich dachte, es kann der CDU nicht schaden, wenn sich da Leute mit diesem Schwerpunkt engagieren.“
Entsprechend bringen die jüngsten Forderungen aus dem Wirtschaftsflügel der Union, darunter die Idee, die [1][„Lifestyle-Teilzeit“ zu verbieten und Zahnersatz aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen], Ellendt auf die Barrikaden: Geld aus der Arbeitslosen- oder Krankenversicherung seien „keine Wohltaten“.
Er sei für den Leistungsgedanken und nicht gegen die Wirtschaft, aber sie sei kein Selbstzweck, sondern müsse für den Menschen da sein. In einer Pressemitteilung schreibt er: „Christdemokratische Politik ist mehr als Kostenrechnung. Eine CDU ohne soziale Leitplanke verliert ihre Mitte.“
Enttäuscht von Merz
Seit 2023 ist Ellendt Landesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Schleswig-Holstein (CDA), [2][kürzlich wurde er mit 100 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt].
In seiner Kritik an den Positionen der Mittelstands- und Wirtschaftsunion und des CDU-nahen Wirtschaftsrats weiß Ellendt viele Mitstreiter:innen an seiner Seite, darunter den CDA-Bundesvorsitzenden Dennis Radtke und Manuel Hagel, Spitzenkandidat für die Wahl in Baden-Württemberg. Die Rufe nach weiteren Einschnitten ins soziale Netz hätten keine Mehrheit, ist Ellendt überzeugt. „Da sind einige über das Ziel hinaus geschossen.“
Die Forderungen stammen aus [3][Anträgen für den CDU-Bundesparteitag], der Ende Februar in Stuttgart beginnt. Im Wirtschaftsflügel herrsche gerade Enttäuschung, glaubt der promovierte Physiker Ellendt: „Vor der Bundestagswahl war Merz für viele ein Idol. [4][Vieles ist angekündigt worden], das in der Regierungsarbeit nicht umgesetzt werden kann.“
Dennoch werde wohl kaum Streit auf offener Bühne ausbrechen, glaubt Ellendt: „Ich denke, die CDU hat keine Alternative, als wieder zusammenzufinden.“ Denn die wahre Bedrohung komme von anderer Seite: „Wenn es bei den anstehenden Landtagswahlen keine bürgerlichen Mehrheiten gibt, ist das eine systemische Gefahr.“
Statt also ausgerechnet [5][im Superwahljahr] in die selbst gebaute „Versprechungsfalle“ zu tappen, wünscht sich Ellendt von seiner CDU Konzepte, die nicht nur einem Teil der Gesellschaft helfen. „Steuerentlastungen sind oft der falsche Weg, weil sie Besserverdienern helfen, aber nicht denen, die wenig haben.“
Ellendt sitzt auch als Ratsherr im Kieler Parlament, ist im Aufsichtsrat des städtischen Theaters und bei den Verkehrsbetrieben engagiert. 2019 trat er erfolglos als OB-Kandidat für Kiel an.
Der Vater von vier Kindern – die beiden jüngeren aus seiner zweiten Ehe leben noch zu Hause – kommt daher kaum zu seinem Hobby Geigenspielen. Auch zum Parteitag wird Ellendt selbst nicht anreisen: Eine Freistellung vom Unterricht für Parteiarbeit sei schwierig. „Ich schaue es mir aus der Ferne an.“
4 Feb 2026
LINKS
[1] /Forderung-des-CDU-Wirtschaftsrats/!6150423
[2] https://www.cda-bund.de/verband/schleswig-holstein/
[3] https://www.mit-bund.de/search/site/Antrag%20Teilzeit
[4] /Merz-Neujahrsansprache/!6141980
[5] /CDU-Angriffe-auf-den-Sozialstaat/!6150530
AUTOREN
Esther Geisslinger
CDU Schleswig-Holstein
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