taz.de -- Von Nähe und Distanz: Der Blick hält alles auf Abstand

Kälte ist eine hierzulande gut gepflegte Tradition. Unser Kolumnist sucht Berührungen und wo sie fehlen in Berlin, Bern und Bars.

Bild: So nah und doch so fern, ein Blick zwischen Menschlichkeiten

Mit der S-Bahn fahren und auf das Panorama Berlins schauen: Kurzurlaub für 4 Euro. Es gibt Tage, an denen ich das brauche, den Blick auf diese Stadt, die ich liebe und hasse. Der Blick hält alles auf Abstand. Die Probleme meines kleinen Lebens verschwinden hinter den großen Fassaden.

Wie in den Filmen von Robert Altman, wo alles gleichzeitig stattfindet, ohne sich je zu berühren: Hauptsachen, Dialoge, Nebensachen.

Die S-Bahn hält am Ostkreuz. [1][Die riesigen Gebäude stehen leer. Davor leben Obdachlose.] Sie lungern herum ohne Plot, wie ein kühles Arrangement von Zeichen.

Eine Stadt wie ein Körper ohne Organe. Je voller sie ist, desto leerer wird sie. So viel Platz für slicke Büros mit weißem Licht, so wenig für, keine Ahnung, öffentliche Wege direkt am Wasser.

Vielleicht irritiert mich diese Leere, weil ich Nähe suche und zugleich vor ihr zurückschrecke. Ich steige aus und lasse mich von der Rolltreppe nach unten leiten. Mein Körper kennt diese Bewegung: Überblick gewinnen, da ist die Welt, da bin ich, nicht auffallen. Distanz als erlernte Haltung. Eingeübt, [2][wenn mich jemand um Geld bittet] und ich nur sagen kann: Entschuldigung, leider nicht.


Ich spüre das am ganzen Körper. Das private Nein als Rädchen einer Maschinerie der Zuständigkeitsverweigerung. Diese Kälte ist eine hierzulande gut gepflegte Tradition: Ordnung ist wichtiger als Nähe. Ihre Einhaltung wird besonders belohnt.

Hier bin ich dieser Typ in der Ecke

Letztens war ich in dieser neuen Bar. Es war früher Abend. Attraktive Queere in erlesenen Vintage-Stücken mustern mich. Cute Raubtiere mit kontrollierten Instinkten. Es macht mich zuerst nervös, dann entspannt es mich.

Es ist nicht dieser Blick, mit dem ich die Stadt auf Abstand halte. Es ist ein Blick, der Nähe erlaubt. Er erlöst mich vom Zwang, irgendwas darstellen zu müssen. Hier bin ich dieser Typ in der Ecke. Kommt auf das Sein nicht klar. Trinkt nicht mal Bier an der Bar. Vermisst Zärtlichkeit ohne Konditionen. Liebt Pathos für seine falschen Versprechen, kuschelt jedoch meisterlich. Diese Nähe kostet nichts.

Kürzlich habe ich [3][die Dichterin Stella Nyanzi] in Bern getroffen. Ich hatte sie zum Norient Festival eingeladen. Wir sitzen an einem großen Tisch beim Essen. Es ist eine flirrende Energie im Raum – eine lange Poetry Nacht steht uns bevor. Ich sitze neben Stella. Sie entschuldigt sich dafür, so langsam zu essen, wo wir doch gleich schon losmüssen. Sie lacht. Und erzählt.

Von der Anreise per Zug aus Berlin, wo sie lebt. Und von achtzehn Monaten im Hochsicherheitsgefängnis in Uganda. Wegen eines Gedichts gegen den Präsidenten. Wir sprechen krass beiläufig darüber.

Es ist wie mein Blick auf das Panorama. Das Beiläufige hält auch irgendwie auf Distanz. Sprache schafft Nähe, ohne sich zu berühren.

Die Bar, die leeren Gebäude und Nyanzi. Drei Situationen nach demselben Muster. In der Bar kostet Nähe nichts. Vor den leeren Gebäuden findet sie nicht statt. Bei Stella hatten Worte Folgen.

Die Dichter*in CA Conrad sagte mal: Immer, wenn man etwas nicht sagt, was man eigentlich sagen möchte, stirbt ein Teil in dir.

Vielleicht spreche ich deshalb so gerne mit ChatGPT: Da stirbt nichts, wenn etwas nicht gesagt wird. Und die toten Wörter leben weiter – als Common Sense.

2 Feb 2026

[1] /Drogenkonsum-in-Berlin/!5946764

[2] /Betteln-im-Bahnhof/!5934729

[3] /Ugandische-Exil-Kuenstlerin-Stella-Nyanzi/!6110526

AUTOREN

Philipp Rhensius

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