taz.de -- VAR soll auch bei Ecken eingreifen: Hätte, hätte, Fußballkette
Das Fußball-Regelgremium IFAB will Eingriffe von Videoassistenten jetzt auch bei Ecken und Gelb-Roten Karten. Eigentlich ist es eine KI-Debatte.
Bild: Der Mann und die Meute: Schiedsrichter Glenn Nyberg beim Spiel des BVB gegen Tottenham in der Champions League
Es gehört zu den lustigeren Aspekten der Historie, dass [1][der Videoschiedsrichter (VAR)] ursprünglich eingeführt wurde, um die ständigen Diskussionen über Schirientscheidungen zu beenden. Das ist hart misslungen, und zusätzlich haben wir ein neues beliebtes Genre gewonnen: [2][die Pro-Contra-VAR-Diskussion] in all ihrer Grundsätzlichkeit alle paar Wochen. Nun hat das IFAB, das Regelgremium des Weltfußballs, dieser Debatte neuen Zündstoff geliefert. Vermutlich ab der WM 2026 soll der VAR nämlich mal wieder weitere Kompetenzen bekommen und auch bei Ecken und Gelb-Roten Karten eingreifen. Der Beschluss gilt als Formsache.
Nun ist dieses Regelgremium eh ein schräger Laden. Vier der acht stimmberechtigten Mitglieder bei der Generalversammlung sind Fifa-Leute, die anderen vier kommen aus Großbritannien – als würden nicht anderswo auf der Welt mittlerweile auch Menschen Fußball spielen. Die mutmaßliche Neuerung steht außerdem in ziemlichem Widerspruch zu den Wünschen des IFAB, den Fußball schneller zu machen. Deshalb soll der VAR angeblich ohne Zeitverzögerung eingreifen. [3][Nach bisherigen Erfahrungen] ist das, sagen wir mal, unwahrscheinlich.
Dabei sind die anderen geplanten Änderungen für den Spielfluss tatsächlich gute Nachrichten. Endlich soll es Zeitspielregelungen geben bei Einwürfen, Abstößen und Auswechslungen, endlich also ist vielleicht partiell Schluss mit dem Zeitlupengeschleiche des führenden Teams ab der 75. Minute, ewigem Stutzenrichten, minutenlangen Wechselzeremonien und Hey-mach-doch-lieber-du-den-Einwurf. Aber worüber alle reden werden, und das ist schon fast tragisch, ist natürlich wieder der VAR. Und die ewige Zerstückelung des Spiels.
Dass der gefräßige VAR immer mehr Kompetenzen bekommt, ist nur logisch. Ein Kernmotiv bei der Einführung war es, [4][den Fußball vom Zufall zu befreien]. Kein Klubkonzern soll wegen eines Schirifehlers schlechter dastehen und auf Einnahmen verzichten müssen. Doch lässt sich das Prinzip Irrtum und Subjektivität partout nicht ausmerzen: Wer das Afrika-Cup-Finale der Männer verfolgt hat, kommt jedenfalls nicht auf die Idee, der VAR habe den Fußball von Fehlern befreit. Und weil die Hätte-hätte-Kausalitätenkette sich in jedem Spielverlauf endlos spinnen lässt, fällt den Gremienmännern als Lösung für den unzulänglichen VAR nur noch mehr VAR ein.
Eigentlich eine KI-Debatte
Was bedeutet das in letzter Konsequenz? Vielleicht haben wir das noch gar nicht richtig verstanden. Denn die VAR-Diskussion ist eigentlich eine KI-Diskussion. [5][Die halbautomatische Abseitserkennung], seit dieser Spielzeit auch in der Männerbundesliga am Start, wird von KI erstellt. Hochauflösende Spezialkameras können längst KI mit Daten füttern, aus denen sie die Positionen von Spieler:innen und Ball berechnet. Auch KI zum Thema Foul-Erkennung wird bereits getestet. Es besteht wenig Zweifel, dass Fußballgremien die Schiri- und VAR-Kompetenzen zunehmend mit KI ersetzen werden. Und dem Schiri eher der (auch irgendwann ersetzbare) Job als Kommunikator obliegt.
Die Klage einiger Schiedsrichterbosse darüber, dass Schiedsrichter heute mehr Fehler machten, weil sie es nicht mehr gewohnt seien, sich auf sich selbst zu verlassen, die Debatten über verlorenes Können, die Frage nach der Verantwortung bei Entscheidungen – all das ist eigentlich [6][ein KI-Diskurs]. Der fehlbare VAR selbst, auf den sich so viel Aufmerksamkeit richtet, ist womöglich nur ein Zwischenschritt zur Teilautomatisierung im Maschinenkeller.
Ob das gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten. Technikfreie Entscheidungen von Profi-Schiedsrichter:innen sind vielleicht wirklich keine menschliche Kernkompetenz, die dringend bewahrt werden will. Viele Schiedsrichter:innen sind zudem grundsätzlich dankbar für die Erleichterungen. Und doch ringen sie schon heute mit Autoritätsverlust und Hass für Entscheidungen, auf die sie immer weniger Einfluss haben. Vielleicht kann da die restliche Welt schon mal ein breiteres Zukunftsszenario sehen. Folgenschwer ist auch die wachsende Angst vor Fehlern – eine Kultur, die dem Menschen und seinen Fähigkeiten (zu Recht) nicht über den Weg traut, macht etwas mit menschlichem Mut zum Handeln. Mit Verantwortung. Und die Suche nach dem fehlerfreien Spiel, klar, ist eh ein Fass ohne Boden.
In früheren Epochen des Fußballs waren viel gröbere Schiri-Fehler alltäglich, trotzdem fühlt sich der Fußball für uns heute nicht fairer an. Wir haben das nämlich einfach vergessen. An der Dauerempörung werden also auch die neuen VAR-Kompetenzen nichts ändern. Denn es sind nicht nur Ecken und Gelb-Rote Karten, die das Blatt eines Spiels wenden können. Sondern auch so ziemlich alles andere. So schnell entkommt der Mensch dem Menscheln nicht.
25 Jan 2026
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AUTOREN
Alina Schwermer
VAR
Schiedsrichter
Fußball
Reden wir darüber
Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
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