taz.de -- Ausstellung in Winsen: Wo Nazikunst fast ohne Kontext gezeigt wird

In einer Ausstellung über regionale Künst­le­r*in­nen lässt das Winsener Museum im Marstall die NS-Verstrickungen fast gänzlich unerwähnt.

Bild: Nazikunst ohne Nazihinweise: der alte Marstall in Winsen

Wiesen und Wege, Tiere auf Feldern und Menschen bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten – in der Sonderausstellung [1][„Mit Pinsel, Stein und Stift: Künstler im Raum Winsen“] des Museums im Marstall in Winsen (Luhe) ist viel Natur zu sehen.

Unter den fast 40 ausgestellten Künstler*innen sind allerdings mindestens vier, die während des Nationalsozialismus (NS) dessen Ideologie popularisierten und mit dem System sympathisierten. In der Ausstellung ist dieser biografische Hintergrund kaum Thema.

„Dieser Kontext hätte das Konzept gesprengt“, erklärt die Pressesprecherin des Museums der taz am Telefon. Im Gespräch wird deutlich: Die Verantwortlichen kennen die mindestens ambivalenten Biografien von Arthur Illies, Hugo Friedrich Hartmann, Erich Wessel und Georg Sluytermann van Langeweyde.

Zu den Künstlern kann aber nur aus den Daten einzelner Werke der historische Kontext erahnt werden. Zur Vita gehört jedoch, dass sie bei der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ (GDK) in München vertreten waren, in der zwischen 1937 und 1944 die Kunst des Nationalsozialismus präsentiert wurde. Einen Tag nach der Eröffnung eröffnete die [2][„Entarte Kunst“] in der bayrischen Landeshauptstadt, mit der die [3][verfemte moderne Kunst] diskreditiert werden sollte.

Die in Winsen gezeigten Künstler waren nicht nur in München dabei: Wessel war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Hartmann erhielt 1939 den „Niederdeutschen Malerpreis“, den der Gauleiter Ost-Hannover, Otto Telschow, gestiftet hatte. Der Gau würdigte Hartmann 1940/41 mit einer Einzelausstellung im Museum zu Lüneburg.

1942 waren Hartmann und Illies in der von Joseph Goebbels geförderten Gau-Ausstellung „Lüneburger Land – Kriegsaufgaben der bildenden Kunst“ in Berlin mit zahlreichen Werken vertreten. Illies beteiligte sich am Wettbewerb für die Neugestaltung des Lübecker Holstentors. Der Entwurf des Malers, der 1933 der NSDAP beigetreten und im „Kampfbund für deutsche Kultur“ aktiv war, ist heute [4][im Museum im Holstentor ausgestellt]. Hitler-Figuren und Hakenkreuze zieren dort Wand und Decke.

Die ausgebliebene Kontextualisierung in Winsen war einer Mitarbeiterin der [5][Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus] aufgefallen. Denn sowohl die ambivalenten Biografien der Künstler*innen im NS als auch die sensible Debatte vom Übergang der volksnahen Kunst zur völkischen Kunst sind immer wieder Gegenstand von Fachtagungen und Ausstellungen. In welchem Kontext stehen Künstler*innen und Werk? Kann oder darf die Ästhetik von der Vita getrennt betrachtet werden?

„Typischer Stil der Blut- und Boden-Malerei“

Diesen Fragen gehen die Verantwortlichen der Winsener Sonderausstellung jedoch nicht nach. Allein bei den Werken von Sluytermann van Langeweyde findet sich ein kurzer Hinweis auf seinen NS-Kontext. „Wir haben explizit nur bei Sluytermann darauf hingewiesen“ erklärt die Pressesprecherin in einer schriftlichen Stellungnahme, da „die ausgestellten Portraits von ihm in dem typischen Stil der Blut- und Boden-Malerei gehalten sind. Dies wollten wir nicht unkommentiert stehen lassen.“

Auch weil Sluytermann in „den 1970er-Jahren noch mit der Ehrenbürgerwürde von Bendestorf und dem Kulturpreis des Landkreises Harburg ausgezeichnet wurde, trotz zeitgleicher Auszeichnung und unverhohlener Sympathien von rechtsextremer Seite“ so die Pressesprecherin.

Die Nachfrage der taz hat Nachforschungen ausgelöst. In einem Vortrag soll demnächst der Kontext beleuchtet werden, schreibt die Pressesprecherin. Sie hebt aber erneut hervor: „Der Tenor der Ausstellung lag grundsätzlich auf der künstlerischen Ausdrucksweise und wie sich die Gemälde in der Malweise und Motivwahl voneinander unterscheiden und einordnen lassen und nicht auf den Biografien der Künstler.“

Doch ist so eine Reduktion aufs Ästhetische angemessen, wenn es um den Nationalsozialismus geht? Das Museum überlegt nun, eventuell eine „kritische Auseinandersetzung“ mit den Künstlern zu präsentieren.

31 Jan 2026

[1] https://www.museum-im-marstall.de/events/sonderausstellung-pinsel-stein-und-stift/

[2] /Politologe-ueber-entartete-Kunst/!6098236

[3] /Kirche-wird-Ausstellungsort/!6112975

[4] /Besuch-im-Holstentor/!5931645

[5] https://mbt-niedersachsen.de/

AUTOREN

Andreas Speit

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