taz.de -- Studie zu Wohnungsmangel: Bauturbo reicht nicht

1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen, der Bau neuer Sozialwohnungen stockt, sagt eine neue Studie. Betroffen sind junge und ältere Menschen.

Bild: An der Landsberger Allee in Lichtenberg entstehen derzeit 1.548 Sozialwohnungen; Berlin, am 14.1.2025

Kurz muss Studienleiter Matthias Günther schmunzeln, als ein Journalist fragt, ob der [1][viel beschworene Bauturbo] denn helfen könne, die Wohnungsnot abzumildern. Mit dem Bauturbo können Kommunen vor allem Planungsverfahren massiv beschleunigen. Günther, der Chef des Pestel-Instituts, das regelmäßig Wohnungsmarktanalysen liefert, scheint aber nicht ganz überzeugt zu sein.

Der Bauturbo könne vielleicht mittel- und langfristig helfen, aber kurzfristig habe er nicht so hohe Erwartungen. Ein Problem sei, dass Nachverdichtungen nicht so beliebt seien in der Bevölkerung. Wenn eine Kommune oder ein Bürgermeister das dennoch mache, setzten sie „ihre Wiederwahl aufs Spiel“.

Nicht besonders ermutigend angesichts dessen, was Günther kurz vorher erklärt hat, als er den Sozialen Wohn-Monitor 2026 gemeinsam mit Verbändebündnis Soziales Wohnen am Donnerstag in Berlin vorstellte. Zum Bündnis gehören unter anderem [2][der Deutsche Mieterbund], die Industriegewerkschaft BAU, die Caritas Behindertenhilfe sowie Akteure der Bauwirtschaft.

Laut Studie hat der Mangel an erschwinglichen Wohnungen ein Rekordhoch erreicht. 1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlten demnach, vor allem Sozialwohnungen. „Um das Wohnungsdefizit bis 2030 abzubauen, müssten gut 400.000 Wohnungen pro Jahr neu gebaut werden“, sagt Günther.

Zwar gäbe es im Land zwar auch [3][viele leer stehende Wohnungen, erklärte Günther.] Davon könne aber nur ein Bruchteil aktiviert werden. Denn vor allem in den Metropolregionen, Groß- und Unistädten fehlten die Sozialwohnungen. Ökonom Günther geht davon aus, das rund die Hälfte der 23 Millionen Mieterhaushalte theoretisch Anspruch auf eine Sozialwohnung hätte. Es gibt bundesweit derzeit aber nur etwa 1,1 Millionen. Ziel müsse sein, diese Zahl perspektivisch zu verdoppeln. „Der soziale Wohnungsbau muss zur Chefsache werden“, fordert das Bündnis.

Die Studie nimmt insbesondere die Förderpolitik des sozialen Wohnungsbaus unter die Lupe. Für den sozialen Wohnungsbau sind die Bundesländer zuständig, aber der Bund gibt Mittel dazu. Ob die Länder damit Sozialwohnungen neu bauen, Wohnungen modernisieren oder Belegungsrechte kaufen, ist ihre Entscheidung. Von 2025 bis 2029 sind 23,5 Milliarden Euro Fördermittel vom Bund vorgesehen.

Doch das Bündnis Soziales Wohnen kritisiert, dass das Geld vom Bund immer nur „häppchenweise“ in mehreren Tranchen ausgezahlt werde. Dadurch müssten die Länder in eine Vorfinanzierung gehen – inklusive Zinsen. Das Bündnis fordert deshalb die Bundesregierung auf, die Förderpraxis zu ändern und auf eine „Ad-hoc-Förderung“ umzustellen.

Zudem brauche es mehr Transparenz auf Länderebene. So habe die Bundesregierung die Mittel des Bundes auch schon von 2020 bis 2024 verdreifacht – aber das spiegele sich nicht in Ergebnissen wieder. Die Förderzusagen seien lediglich um 32 Prozent und im Neubau nur um 16 Prozent gestiegen. Diese Diskrepanz lasse sich nicht nur mit gestiegenen Bau- und Grundstückspreisen begründen, kritisiert Günther.

Menschen mit Behinderung besonders betroffen

Die Härte der Wohnungsnot trifft laut Studie vor allem jüngere Menschen wie Azubis und Studierende und ältere Menschen. Sie seien die „Verlierer auf dem Wohnungsmarkt“. Studierende müssten im Schnitt 53 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben und immer mehr Ruheständler:innen seien gezwungen, aus der Stadt zu ziehen, weil sie mit einer kleinen Rente ihre Wohnungen nicht mehr halten können. Das sei eine „Stadtvertreibung Älterer durch Wohnungsnot“, kritisiert Günther.

Menschen mit Behinderungen erlebten sogar eine Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Insbesondere für diese Gruppe seien spezielle Quoten bei der Vergabe von Sozialwohnungen notwendig.

15 Jan 2026

[1] /Bundestag-beschliesst-Bauturbo/!6118713

[2] /Mieterbund-Praesidentin-zur-Mietenpolitik/!6101338

[3] /Wohnungspolitik-gegen-Abwanderung/!6060044

AUTOREN

Jasmin Kalarickal

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