taz.de -- Schnee und Eis im Straßenverkehr: Radgehen als Wintersport
Die Radwege sind nicht geräumt? Halb so wild. Schließlich sind Radfahrende frei, flexibel und selbstbestimmt. Mehr als Autos.
Bild: Schieben oder fahren bei Schnee und Eis? Fahrradfahrer:innen haben die Wahl
Die Radfahrerforen sind derzeit voll von Menschen, die über nicht geräumte Fuß- und Radwege motzen. Ich motze nicht mit, sondern habe meine Mobilitätsform angepasst.
Das war so nicht geplant. Als der erste Schnee fiel, schaute ich verantwortungsbewusst aus dem Fenster und erklärte feierlich der Familie, der Welt und vor allem mir selbst, dass ich [1][bei diesen Straßenverhältnissen nicht Rad fahren] würde. Aus Verantwortungsbewusstsein. Schließlich eitern Pedalen ab einem gewissen Alter nur noch sehr widerwillig aus dem verletzten Radfahrerschienbein heraus, und so einen Ausfall will ich ja niemandem zumuten.
Am ersten Tag ließ sich diese Vernunftentscheidung hervorragend umsetzen. Ich hatte keinen Draußentermin und blieb einfach drin. Am zweiten Tag wollte ich morgens früh zum Zahnarzt. Zu Fuß brauchte ich plötzlich 30 statt der üblichen 10 Radminuten. Anschließend wollte ich zu einem Jobtermin und abends bei einem Freund vorbei. Mit Entsetzen stellte ich fest: Das schaffe ich zu Fuß nicht. Also ab zum nächsten S-Bahnhof.
Der erste Zug fiel aus. Der zweite war eine mobile Wärmestube und brachte den altbekannten Großstadtzwiespalt mit sich: Kann man gleichzeitig empathisch gegenüber ökonomisch-sozial aus dem Raster gefallenen Menschen sein und sich selbst trotzdem den Wunsch nach [2][sauberen, geruchsneutralen Verkehrsmitteln] zugestehen?
Oberschenkelworkout statt Berliner Januarblues
Ich beteiligte mich nicht an den johlenden Kotzgeräuschen einiger mit mir eingestiegener Jugendlicher, stand aber lieber in ihrer dichten Aftershave-Duftwolke als auf der ungewaschenen Seite des Waggons. Mir wurde klar: Die Öffentlichen und ich, das wird in diesem Leben keine große Liebe mehr.
Am dritten Schneetag stellte ich an meinem breitreifigen Faltrad den Sattel so niedrig, dass ich mit beiden Füßen gleichzeitig den Boden erreichte. Und entwickelte die Verkehrsform der Radgehenden.
Auf Nebenstraßen rutsche ich nun wie ein übermütiges Laufradkind über eisige Buckelpisten. Auf den wenigen geräumten Radwegen und den gleichmäßig plattgetretenen, autofreien Parkwegen radele ich klassisch – inklusive Oberschenkel-Spezialworkouts dank niedriger Sattelhöhe. Adé, üblicher Berliner Januarblues aus Dauertrübnis und Grauschleier. Olé, du weiß strahlende, knirschende Fläche!
Dank meines neuen Radgeh-Tempos sehe ich eine völlig andere Stadt: Im Tiergarten zum Beispiel modelliert jemand Schneegesichter an Baumrinden. Andere gleiten [3][auf improvisierten Schlittschuhbahnen über gefrorene Teiche]. Und erstaunlich viele Autofahrer bleiben stehen und überlassen mir die schmalen eisfreien Furten auf den Nebenstraßen.
Ja, natürlich haben die Forenmotzer Recht, dass in einer besseren Welt Fuß- und Radwege längst geräumt sein müssten. Und überhaupt alle Wege mit Bahn, Bus und Rad zurückgelegt werden könnten. Machen ja heute schon viele. Aber es gibt halt auch Lkw- und Autofahrer. Die sind auf geräumte Straßen angewiesen.
Wir Radfahrer kommen hingegen mit verstellbarem Sattel, warmen Handschuhen und Spikereifen klar: Wir sind frei, unabhängig, selbstbestimmt. Deshalb liebe ich das Radfahren so! Und freue mich einfach über [4][diese paar Wochen Schnee].
21 Jan 2026
LINKS
[1] /Winterdienst-auf-Geh--und-Radwegen/!6145373
[2] /Neustart-bei-der-Deutschen-Bahn/!6117955
[3] /Wie-oft-friert-der-See-noch-zu/!6089281
[4] /Sturmtief-Elli/!6143820
AUTOREN
Kerstin Finkelstein
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