taz.de -- Konzertempfehlungen für Berlin: Zwischen Kontemplation und Eklektizismus
Das Jahr beginnt mit „Unerhörter Musik“, die wie Grummeln klingt. Man kann sich aber auch durch performative Zeitreisen nochmal gedanklich ausklinken.
Bild: Die schwedisch-iranische Pianistin Shida Shahabi (links) und Léopold Collin alias Helen Island spielen im HAU
Wem grummelig zumute ist, weil er oder sie nach gechillten Tagen nun wieder am Schreibtisch sitzt – oder schlichtweg, weil immer noch Winter ist –, sei ein Konzert empfohlen, das zeigt, dass auch Grummeln durchaus glücklich machen kann. Wenn man denn die sonoren Töne als Grummeln bezeichnen mag, die ein Baritonsaxofon erzeugt. Die gibt es gleich im Doppelpack, im Rahmen der Reihe „Unerhörte Musik“.
Ties Mellema und Christoph Enzel interpretieren vier für das Instrument komponierte Stücke. Zwei davon sind Uraufführungen und handeln von Walen – die ihrerseits keineswegs nur grummeln, sondern recht vielseitige Töne erzeugen: Michaela Catranis’ „Song of a Lonely Whale“ und „Moby Dick“ von Christian Biegai. Letzteren kennt man nicht zuletzt durch seine Arbeit mit Marla Hansen und Barbara Morgenstern. ([1][BKA Theater, 6. 1., 20 Uhr])
Ab Mittwoch locken dann vier besondere Abende in die Neue Nationalgalerie. Die US-amerikanische Musikerin und Lyrikerin Camae Ayew, besser bekannt als Moor Mother, trifft auf das zeitgenössische Berliner Ensemble Mosaik und verschiedene Gäste: Musiker:innen wie der senegalesische Perkussionist Dudù Kouate oder die britisch-irakische Sopranistsin Alya Al-Sultani, aber auch Theoretiker:innen wie etwa die brasilianische Philosophin und Künstlerin Denise Ferreira da Silva.
Als sei das nicht schon komplex genug, will die Konzertreihe „Time Travel Hear Today“ zudem in einen Dialog mit der aktuell in der Nationalgalerie ausgestellten Arbeit von Christian Marclay – „The Clock“ – treten. Die besteht aus einer Zusammenstellung zahlloser zeitbezogener Filmmomente aus Film und Fernsehen. „Musikalische und theoretische Gedanken über Zeit, Zeitreisen und alternative Zeitkonzepte“ verspricht demnach auc h die Ankündigung der Konzertreihe. Entwickelt wurde sie von Regisseur und Bühnenbildner Tilman Hecker.
Konzerte mitgestalten
Dabei soll keiner der Abende zwischen Musik, Tanz, Performance und Diskurs sein wie der andere, dank unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen. Es lohnt sich also, nicht nur einmal vorbeizuschauen. Und vielleicht gar an einem der [2][Workshops] teilzunehmen, die jeweils an den Nachmittagen in der benachbarten Kirche stattfinden – und so das abendliche Konzerte aktiv mitgestalten. ([3][Neue Nationalgalerie, 7.–10. 1., 20.30 Uhr])
Am Freitag wird dann auch im Hebbel am Ufer das neue Jahr musikalisch begrüßt, mit einem Programm zwischen Kontemplation und Ekletizismus. Die Kompositionen für Cello, Klavier und Elektronik der schwedisch-iranischen Pianistin Shida Shahabi bewegen sich zwischen Post-Classical und Ambient, mit Ausflügen in die ebenfalls schön grummelnde Welt der Drones. Vorab präsentiert der Pariser Léopold Collin alias Helen Island melancholische Lo-Fi- Tracks, bei denen die Stimme eher vorbeiziehende Nebelschwade als klangliches Zentrum ist. ([4][HAU 1, 9. 1., 19.30 Uhr]). Im Anschluss gibt es dann noch ein klanglich sicher buntes DJ-Set von Katja Ruge im frisch renovierten WAU, der hauseigenen Gastronomie um die Ecke.
2 Jan 2026
LINKS
[1] https://bka-theater-webshop.comfortticket.de/de/produktion/0d60aa6d-479d-4320-8251-af131be95f9c/14
[2] https://docs.google.com/forms/d/1NAgiy69JSUZXzl5YDM44eJ9mal1qF8vt5JVG9EoDH4Y/viewform?edit_requested=true
[3] https://de.ra.co/dj/moormother/tour-dates
[4] https://hebbel-am-ufer-tickets.reservix.de/p/reservix/event/2491876?_locale=de
AUTOREN
Stephanie Grimm
taz Plan
Sound der Stadt
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