taz.de -- US-Angriff auf Venezuela: Ein Land im Wartemodus

Seit dem US-Angriff auf Caracas ist die venezolanische Hauptstadt nicht mehr dieselbe. In die Unsicherheit vor Ort mischt sich aber auch Zuversicht.

Bild: Bewaffnete Zivilisten, die der Regierung nahestehen, stoppen Motorradfahrer in Caracas nach US-Angriffen auf Venezuela

Am 3. Januar 2026 um 2 Uhr morgens schläft Caracas noch – auch Carlos Padilla*. Ein Anruf reißt ihn aus dem Schlaf. „Siehst du, was passiert?“, fragt ein Freund aufgeregt. „Sie bombardieren Caracas.“ Carlos Padilla legt auf, und augenblicklich bestätigen die Geräusche draußen, was der Freund sagt: Flugzeuge, Sirenen, dann Explosionen. „Es waren Stunden absoluter Ungewissheit. Man wusste nicht, ob eine Bombe direkt in der Nähe einschlägt“, erinnert er sich.

An diesem Morgen [1][griffen US-Streitkräfte Militäranlagen und nahegelegene Wohngebiete in Caracas] und anderen Regionen des Landes an. Die Operation endete mit der Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro, der nach New York überstellt wurde. Dort soll er sich vor einem Bundesgericht verantworten.

Carlos Padilla wohnt nicht in der Nähe der Anschlagsziele, doch die Wucht der Explosionen ließ das gesamte Gebäude erzittern. Er trat auf den Balkon und sah Nachbarn auf dem Parkplatz versammelt: Niemand hatte Informationen, niemand wusste, ob er fliehen oder bleiben sollte. „Ich stand unter Schock. Ich konnte es nicht fassen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte“, sagt er.

In anderen Teilen der Stadt herrschte während des Angriffs absolute Dunkelheit. Gabriel Mata wohnt in der Nähe von El Helicoide. „Als die Bomben fielen, fiel sofort der Strom aus“, sagt er. Von seinem Gebäude aus beobachtete er, wie Transformatoren explodierten.

Eine isolierte Stadt

Die Stadt war stundenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Erst am Nachmittag machte ein Satz die Runde: „Sie haben Nicolás Maduro geholt.“ Am nächsten Morgen ist Caracas nicht mehr dieselbe Stadt wie wenige Stunden zuvor.

Menschen strömen auf die Straßen, auf der Suche nach Essen, Wasser oder Transportmöglichkeiten. Vor den wenigen Geschäften, die in den frühen Morgenstunden geöffnet haben, bilden sich lange Schlangen. Reis, Mehl, Wasser – die Preise steigen innerhalb von Sekunden.

Bewohner der getroffenen Häuser kommen bei Verwandten oder Freunden unter. Angestellte des öffentlichen Dienstes dürfen weder über den Anschlag sprechen noch Informationen darüber preisgeben. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt. Der öffentliche Nahverkehr wird zwar teilweise wieder aufgenommen, doch die militärische Präsenz ist deutlich sichtbar. Sicherheitskräfte besetzen strategische Punkte in der ganzen Stadt.

Die Kontrollen wirken uneinheitlich. Die Krankenschwester Yajaira Rosa beschreibt es so: „Anfangs war es still – kaum Autos, niemand auf der Straße. Jetzt ist mehr los. Die Menschen müssen ja leben, auch wenn sie nicht wissen, was sie erwartet.“ Anfangs patrouillierten keine offiziellen Sicherheitskräfte. „Die Colectivos hatten das Sagen.“ Obwohl ihre Präsenz nachgelassen hat, bleibt die Angst bestehen. Es gibt Berichte über Fahrzeugkontrollen und Personen, die von diesen „Gemeindekräften“ angehalten und überprüft werden.

Die Ruhe danach

Heute herrscht in einigen Vierteln eine seltsame, schwer zu beschreibende Ruhe. Die Stille nach dem Sturm, durchbrochen von einer anderen Art von Schweigen: Es gibt noch immer keine offizielle Darstellung zu den nächtlichen Ereignissen.

Auch in der Nähe staatlicher Institutionen hat die Überwachung zugenommen. Carlos Padilla arbeitet im Außenministerium. Um zu seinem Büro zu gelangen, muss er mehrere Sicherheitskontrollen passieren. Drinnen ist die Botschaft unmissverständlich. „Sei vorsichtig, was du sagst, was du schreibst, was du teilst. Es ist ein psychischer Terror, dem sie dich vom ersten Moment an aussetzen“, erzählt er. Alles könnte zur Verhaftung führen.

Auch die Bevölkerung schweigt – aus Angst und Unsicherheit. „Die Meinungen gehen auseinander, aber fast niemand spricht offen. Man hat ständig das Gefühl, beobachtet zu werden“, fügt er hinzu. Für ihn ist die Ungewissheit das Schlimmste. „Man weiß nicht, ob es morgen einen weiteren Bombenanschlag gibt, ob alles noch schlimmer wird. Diese ständige Ungewissheit stresst mich ungemein.“

Carmen Batista sagt, sie nehme Tabletten gegen ihre Angstzustände. Die 27-Jährige ist trotz allem überzeugt, dass dies der einzige Weg war, um – wenn auch schrittweise – Demokratie anzustreben. Sie lächelt auf die Frage, ob der US-Angriff eine gute Entscheidung war. „Ich weiß, dass Donald Trump seine eigenen Interessen verfolgt, ich kenne die Geschichte. Aber nachdem wir alles versucht hatten, was blieb uns noch übrig? Wenigstens können wir jetzt hoffen, dass es eine andere Zukunft gibt“, sagt sie.

Gemischte Gefühle vor Ort

Der Angriff löste nicht nur Ängste im Land aus, sondern veränderte auch die Debatte um Souveränität und politische Legitimität. Während einige Maduros Sturz als Wendepunkt feierten, lehnten andere eine ausländische Militärintervention entschieden ab.

Pablo Contreras steht auf der Plaza Morelos bei einer Kundgebung regierungsnaher Gruppen. Er bezeichnet sich selbst als Linken und lehnt die US-Intervention ab. „Ich sehe darin eine weitere Aneignung unserer Länder, unseres Öls, meines Territoriums“, sagt er. Dennoch teilt er eine weit verbreitete Befürchtung: „Ich weiß nicht, was die nächsten Tage bringen werden. Ich möchte glauben, dass die Menschen die Souveränität ihres Landes wollen, denn was, wenn eine andere Regierung kommt und uns alles wegnimmt?“

Unterdessen haben die jüngsten Ankündigungen [2][über ein neues Ölabkommen] zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela die Erwartungen und die Besorgnis weiter angeheizt. Auf den Straßen äußern einige Menschen die Hoffnung, dass eine teilweise Wiederaufnahme der Öllieferungen wirtschaftliche Stabilität bringen und zum Wiederaufbau der zerstörten Öl- und Gasindustrie sowie des Stromnetzes des Landes beitragen könnte.

Existenzängste bleiben präsent

Die Vorstellung, ein funktionsfähiges staatliches Ölunternehmen wiederzubeleben, hat nach wie vor symbolische Bedeutung. Doch diese Erwartungen gehen einher mit tiefer Sorge: Viele befürchten, dass höhere Lebenshaltungskosten, zunehmende Privatisierung und ausländische Kontrolle über strategische Ressourcen die venezolanische Bevölkerung erneut an den Rand der Existenz drängen könnten.

Jenseits diplomatischer Erklärungen herrscht in Venezuela eine angespannte Erwartungshaltung. Es gibt keine Massenfeiern oder Proteste. Vorsicht und Angst prägen die Gesellschaft. Alle wägen jedes Wort ab, niemand weiß, wie es weitergeht, und alle warten minütlich auf Neuigkeiten. Für viele ist Politik keine abstrakte Debatte mehr, sondern Teil des Alltags: die Angst vor einem weiteren Anschlag, vor einem noch tieferen Zusammenbruch der Grundversorgung, vor einer Eskalation der Repression oder von Protesten.

Die Frage ist längst nicht mehr, was geschehen ist. Es geht darum, was morgen passieren könnte, sagt Carmen Batista. „Man weiß nicht, ob es einen weiteren Bombenanschlag geben wird, ob sich die Lage verschlimmert, ob es eine Besserung geben wird oder nicht.“

Ein Land in Alarmbereitschaft

Vielleicht ist diese Ungewissheit – mehr noch als die Explosionen selbst – das tiefgreifendste Vermächtnis dieser Tage: ein Land, das weiterhin in Alarmbereitschaft lebt, gefangen zwischen Erstaunen und Angst, ohne Gewissheit über seine unmittelbare Zukunft.

Immerhin haben viele ihren Humor nicht verloren. Der häufigste Satz, den man derzeit in den Straßen von Caracas hören kann, ist eher eine Frage: „Bekommen wir jetzt Starbucks und Strom?“ Es ist eine verrückte Zeit.

Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops [3][Green Panter Amazonien] der [4][taz Panter Stiftung] mit Klimajournalist*innen.

10 Jan 2026

[1] /Angriff-der-USA-auf-Venezuela/!6142577

[2] /Venezuelas-Oel-wird-nicht-gebraucht/!6142672

[3] /Amazonien-im-Fokus/!t6100300

[4] https://taz.de/panter-stiftung/vom-wort-zur-tat/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/

AUTOREN

Liliana Rivas

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