taz.de -- Schweizer Selbstbild: Wenn das Sterben nahe kommt

Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana stellen sich viele Fragen. Klar ist, dass wir ein System brauchen, das auf Liebe fußt statt auf Geld.

Bild: Gedenken vor „Le Constellation“ an Neujahr

Wenn das Sterben so nahe kommt, rüttelt das an der Sicherheit eines Landes. Und wir reden hier von einem Land, das für Pünktlichkeit, Sauberkeit, Vorschriften, Kontrollen und Reglementierungen steht. Hier werden nicht nur Menschen in Registern erfasst, auch Kühe und Hunde haben eine Nummer.

Doch ausgerechnet beim Feuer, beim Brandschutz hat die Schweizer Kontrolle versagt. In der Walliser Gemeinde Crans-Montana, die als mondäner Skiort gilt, starben am 1. Januar 2026 in der Bar Le Constellation 40 junge Menschen, als Sprühkerzen an einem falschen Ort gezündet wurden. 116 Menschen wurden verletzt, und nach wie vor schweben einige von ihnen in Lebensgefahr.

Der Brandschutz im Le Constellation wurde [1][letztmals 2019 kontrolliert.] Dass in Crans-Montana 128 Bars betrieben werden und im vergangenen Jahr lediglich 40 davon kontrolliert wurden, lässt hierzulande das Vertrauen in die Sicherheit nicht wachsen. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die Kontrolle im Le Constellation vor sechs Jahren versagt hat, dazu sagte der Gemeindepräsident von Crans-Montana: „Wir bedauern das zutiefst.“ Wie es dazu kam, wisse er nicht. Laut Augenzeugen waren die Notausgänge der Bar immer wieder zugestellt oder verschlossen. Dieses Problem wurde nicht erfasst.

Der Name Crans-Montana fällt oft in diesen Tagen in der Schweiz. Ich höre und lese von Notausgängen, Gebäudeschutzversicherung, Gemeindeordnung, Verboten von Feuerwerk in geschlossenen Räumen, Strafuntersuchungen, gefolgt von Schadenersatz- und Rücktrittsforderungen.

Ganz nah gerückt

Anfang der Woche liegt in meiner Mailbox eine Anfrage der taz. Der Redakteur schreibt, er lese in Deutschland, die Katastrophe in Crans-Montana habe das Selbstverständnis der Schweiz als Hort der Sicherheit und Verlässlichkeit erschüttert – oder eben nicht?

Wenn wir von Sicherheit reden, meinen wir doch Angst? Die bedrohlichste Angst ist die vor dem Sterben, und sie hat die Schweizer Landesgrenze passiert. Ist ganz nah gerückt.

Menschen um mich herum gehen mit der Tragödie in Crans-Montana unterschiedlich um. Es gibt kein richtig oder falsch. Kein besser oder schlechter.

Journalist:innen recherchieren, stellen unbequeme Fragen, decken auf, damit sich ein solch schreckliches Ereignis nicht wiederholt.

Politiker:innen rufen nach mehr Kontrolle, fordern ein Verbot von Feuerwerk und neue Sicherheitsvorschriften. Viele suchen nach den Schuldigen, damit diese zur Rechenschaft gezogen werden können.

Eltern fragen sich am 1. Januar 2026, wie es wohl den Müttern und Vätern, den Großeltern an diesem Abend geht, die ihr Kind oder Enkelkind verloren haben?

Wieder andere fühlen sich am 1. Januar genauso sicher wie einen Tag zuvor. In ihren Körpern ist die Todesangst verwoben, sie kennen sie. Sie trauern mit den Familien, zünden Kerzen an und hoffen, dass sich die Angst nicht in ihren Körper einschreibt.

Uns alle verbindet der Wunsch nach Sicherheit unserer körperlichen Unversehrtheit. Doch die wird es leider nie geben, nie für alle geben, was nicht heißen soll, dass nicht alles dafür getan werden muss – und zwar gemeinsam.

Und bei aller Sympathie für die Schweiz: Seien wir ehrlich, [2][hierzulande] fällt der Satz „Dafür bin ich nicht zuständig“ öfter, als eine gesicherte Antwort zu bekommen ist.

Das zeigt sich nun auch in Crans-Montana. Der Gemeindepräsident verweist darauf, dass im Kanton Wallis nicht vorgeschrieben sei, das hochentzündliche Deckenmaterial zu kontrollieren. Auch ist das Wallis einer der wenigen Kantone, in denen Barbetreiber:innen keine Gebäudeversicherung abschließen müssen. Private Versicherungen suchen öfter den Profit, die kantonalen setzen auf Prävention und Kontrolle. Jetzt zeigt sich einmal mehr, in welchem System wir leben: einem, um es sehr vereinfacht zu sagen, das auf Geld und nicht auf Liebe fußt.

Viele Fragen bleiben eine Woche danach offen. Für heute und in Zukunft hilft es vielleicht, die 40 jungen Menschen nicht zu vergessen, die gestorben sind. Sich in die Eltern, Großeltern, die Rettungskräfte, die Einwohner:innen von Crans-Montana, die Schweizer:innen, die italienischen, französischen, deutschen, österreichischen Nachbar:innen, die Europäer:innen einzufühlen und aus diesem Gefühl heraus zu handeln; und auch all jene Menschen, die ihr Leben verlieren – ob zwei oder 72 Stunden von uns entfernt. Menschen, die ihren letzten Atemzug verpassen, in Erinnerung zu behalten.

Am Freitag fand in der Schweiz ein nationaler Gedenktag statt. Lasst uns – egal wo auf dieser Welt – an die 40 jungen Menschen denken, deren Leben viel zu früh geendet hat.

9 Jan 2026

[1] https://www.tagesanzeiger.ch/explosion-in-crans-montana-die-pressekonferenz-im-liveticker-964542208758

[2] /Die-letzten-Zuege-der-EM/!6101273

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Andrea Arežina

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