taz.de -- Vorkaufsrecht in Berlin-Neukölln: Druck auf Investor wirkt
Erstmals seit Jahren wurde nun für ein Haus eine Abwendungsvereinbarung mit einem Investor getroffen. Sollte das nicht greifen, kommt das Vorkaufsrecht.
Bild: Im Milieuschutzgebiet: Das Haus an der Ecke Braunschweiger Straße/Richardstraße in Neukölln
Berlintaz | Die Mieter:innen des [1][Hauses an der Ecke Braunschweiger Straße/Richardstraße] in Neukölln können fürs Erste aufatmen. Nach der Ankündigung des Bezirksamts Neukölln, für das Haus das Vorkaufsrecht zu ziehen, hat sich der Investor jetzt auf eine Abwendungsvereinbarung eingelassen. Das teilte Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) am Mittwochabend der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit.
Das Bezirksamt wollte eigentlich das Vorkaufsrecht für das Haus wahrnehmen, sollte sich ein landeseigenes Wohnungsunternehmen oder eine Genossenschaft finden, um das Gebäude zu kaufen. Mieter:innen der „RichiBrauni“ hatten erst in der vergangenen Woche öffentlichkeitswirksam dafür demonstriert. Unter anderem, weil der Eigentümer gegen [2][Vorgaben zum Milieuschutz] verstoßen habe.
Auch Politiker:innen von SPD, Grünen und Linken hatten sich mit dem Protest solidarisiert. „Dieser öffentliche Druck hat dazu geführt, dass wir die erste [3][Abwendungsvereinbarung seit dem Urteil des Verwaltungsgerichts] abschließen konnten“, so Jochen Biedermann.
Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom November 2021 kann das Vorverkaufsrecht nur noch in sehr engen Grenzen angewandt werden, etwa wenn bauliche Mängel vorherrschen. In Berlin wurde seit dem Urteil erst zweimal Gebrauch davon gemacht, im September [4][2023 bei einem Haus in der Neuköllner Weichselstraße] und im Mai 2024 beim Tuntenhaus in Pankow.
Hoffnung auf Rückkehr des Vorkaufsrechts
Dass nun eine Abwendungsvereinbarung getroffen wurde, stärkt bei einigen die [5][Hoffnung auf eine Rückkehr des Vorkaufsrechts]. Die Neuköllner Grünen-Fraktion forderte in diesem Zusammenhang „dauerhafte Lösungen für alle von Verdrängung bedrohten Mieter:innen“.
Mit der Vereinbarung verpflichtet sich der private Investor zum Beispiel dazu, keine Modernisierungsarbeiten oder ähnliche mietsteigernden Maßnahmen durchzuführen. Die habe der Käufer jedoch bereits durchführen lassen, sagte Biedermann. Und zwar illegal, denn das Haus befindet sich in einem Milieuschutzgebiet und die Maßnahmen seien niemals genehmigt worden.
Dieser Umstand habe die Anwendung des Vorkaufsrechts erst möglich gemacht. Vorerst ist aber erst mal der Investor am Zug, den Verpflichtungen aus der Abwendungserklärung nachzukommen.
15 May 2025
LINKS
[1] /Kreativer-Mieterschutz/!6077922
[2] /App-gegen-Mietwucher/!6065703
[3] /Kreativer-Mieterschutz/!6077922
[4] /Verdraengung-in-Berlin/!5960224
[5] /Bewegungstermine-in-Berlin/!6065814
AUTOREN
Marco Fründt
Vorkaufsrecht
Mieten
Wohnungspolitik
Berlin-Neukölln
ARTIKEL ZUM THEMA
Vorkaufsrecht kommt zurück: Gut gemeint, schlecht gemacht
Die Bundesregierung will das Vorkaufsrecht wiederbeleben. Doch ein Passus im Gesetz mache die Anwendung praktisch unmöglich, warnen Bezirkspolitiker.
Angst vor der Aufwertung: Wenn die Eigentümerin zweimal klingelt
„Ihr Haus soll schöner werden!“: Warum das in Ottensen, einem beliebten Hamburger Stadtteil, keine gute Nachricht ist.
Vorkaufsrecht in der Warschauer Straße: Für das „Haus mit dem Balkon“ schwindet die Hoffnung
Bewohner:innen des maroden Hauses in der Warschauer Straße haben die Finanzverwaltung gebeten, ihr Zuhause zu retten – die soll Hilfe verweigern.
Vorkaufsrecht in der Warschauer Straße: Housing first oder Profit first
In der Warschauer Straße verfällt ein Haus, viele Wohnungen stehen leer. Der Bezirk will das Vorkaufsrecht ziehen. Der Senat sagt erst mal nicht nein.
Kreativer Mieterschutz: Mit Klimmzug zum Vorkaufsrecht
In Neukölln soll das Vorkaufsrecht erstmals mit nicht genehmigten Sanierungen begründet werden. Womöglich kommt sogar das alte Vorkaufsrecht zurück.
Bewegungstermine in Berlin: Der Wohnungskampf ist antifaschistisch
Das Mietenthema ist ein Alleinstellungsmermal linker Politik. Ausnahmsweise macht Die Linke alles richtig, wenn sie das Thema in den Fokus stellt.
Verdrängung in Berlin: Vorkaufsrecht wiederbelebt
Die Weichselstraße 52 soll an einen Investor verkauft werden. Doch das Land nutzt erstmals eine Gesetzteslücke um ihm zuvorzukommen.