taz.de -- Messe für Ostprodukte: Der Geschmack des Ostens
Bei der Ostpro findet sich, was es früher in der DDR im Konsum zu kaufen gab. Manche nehmen dafür sehr weite Wege hin zu der Messe in Berlin auf sich.
Bild: Zielpunkt Vergangenheit: hier mal eine Ostpro-Perspektive bei einer Messe im Jahr 2018
Die Warteschlange am Eingang ist gigantisch, weit über Berghain-Dimensionen, eigentlich dem Goldstandard in dieser Kategorie in Berlin. Alle wollen Einlass auf das Gelände der Trabrennbahn Karlshorst, wo in einem Außen- und einem Innenbereich die Messe Ostpro stattfindet, deren Markenkern das Anbieten von Produkten aus dem Osten der Republik ist.
Berichtet man anderen Wessis aus dem eigenen Bekanntenkreis von dieser Veranstaltung, hat keiner je etwas von dieser gehört. Aber von denen kennt ja auch niemand die „Schlagersüßtafel“ getaufte Schokolade von Zetti oder die Schokocreme „Nudossi“. Für Ossis aber, jedenfalls für diejenigen, die noch einen Teil ihres Lebens als Bürger oder Bürgerinnen der DDR verbracht haben, sind das Kultprodukte. Und um diese erstehen zu können wie einst in den Konsum-Märkten, stürmen die Leute diese Messe. Und nicht nur die Alten, ganze Familien sind da. Wobei die beiden Töchter einer angesprochen Mutter schnell klarmachen, dass sie vor allem dieser zuliebe hier seien.
Man selbst ist am letzten Nachmittag des dreitägigen Events gekommen, das es übrigens zwei Mal im Jahr in Berlin gibt. Ein Mitarbeiter des Veranstalters sagt am Kassenhäuschen, der Andrang sei permanent so gewaltig gewesen. Ein Imbiss, der seine original Ost-Ketwurst anbietet, macht gerade schon den Laden dicht – alles ausverkauft.
Die Ostpro gibt es bereits seit 1991. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung verschwanden bekannte DDR-Marken ganz oder mussten um ihr Überleben kämpfen. Die Supermarktketten aus dem Westen übernahmen die neuen Bundesländer und die Kunden und Kundinnen wollten auch erst einmal lieber Westprodukte.
Ein paar Ostalgie-Wellen später erinnern sich nun aber viele Ossis wieder an ihre schöne Zeit mit dem Badeschaum von Badusan oder dem Waffelbrot Filinchen. Auf dass sich ähnlich wie beim Proust- oder Madeleine-Effekt mit den durch Geschmack oder Geruch ausgelösten Erinnerungen an die Kindheit beim Planschen in der Badewanne und beim Biss ins Gebäck das Gefühl einstellen oder verstärken möge, dass ja wirklich nicht alles schlecht war in der DDR.
Softeis wie früher
Dementsprechend werden auch die Angebote beworben und präsentiert. Die Berliner Firma Eiskombinat ist vor Ort und preist ihr „Softeis wie früher“ an. Der Eintritt zur Messe: zwei Euro. Auffallend viele Produkte: ein Euro. Billig, so wie einst. Ein anderer Stand, der nur gebrauchte Waren anbietet, nennt sich gar „Der Vorwende Laden“. Würde den ganzen Krimskrams, der hier aufgetischt wird, all die alten Kochbücher, das olle Geschirr und die FDJ-Mitgliedsabzeichen, in die Hände eines Wessis fallen, würde der wahrscheinlich das ganze Zeug komplett in den Müll befördern. So aber und in diesem Rahmen hat man es mit echtem DDR-Vintage zu tun.
Man fühlt sich ein wenig an den Film [1][„Good Bye, Lenin“] erinnert, wo die sterbenskranke Mutter in der DDR nicht mitkriegen soll, dass eben die Mauer gefallen ist, um so vom Schock des Neuen verschont zu bleiben. Die Liebestöter, die ein Unterwäschehersteller aus Chemnitz feilbietet, wirken ähnlich gestrig wie so manche der angebotenen Strickwaren aus Apolda, die vielleicht zu den Zeiten von Margot Honecker mal modisch waren.
Aber wahrscheinlich ist das alles eine Frage der Perspektive. Eine Frau wühlt sich gerade durch Packungen mit Pudding- und Dessertpulver der Ostmarke Komet. „Eis & Creme-Dessert Stracciatella“ steht auf diesen oder „Blaue Grütze“. Wird so etwas überhaupt noch gegessen? Die Frau aber greift begeistert zur Sorte „Fruchtcocktail Himbeere“. Sie sei extra aus Hannover zur Messe angereist, sagt sie, und natürlich komme sie ursprünglich aus dem Osten. Und sie brauche hin und wieder eben dieses spezielle Dessertpulver.
Die Ossis ticken einfach anders als die Wessis und werden das auch weiterhin tun, [2][glaubt der Soziologe Steffen Mau]. Auf der Ostpro zeigt sich, wie recht er damit hat. Demnächst soll die Messe, die auch schon in Erfurt und Dresden stattgefunden hat, nach Jena und Chemnitz expandieren.
4 Apr 2025
LINKS
[1] https://taz.de/!816055/
[2] /taz-Talk-mit-Soziologe-Steffen-Mau/!6022132
AUTOREN
Andreas Hartmann
Schwerpunkt Stadtland
Kolumne Großraumdisco
DDR
Konsum
Kindheit
Messe
ARTIKEL ZUM THEMA
Paper Positions im Flughafen Tempelhof: Die Kunst kommt auch vom Kaufenkönnen
Erstmals gastierte die Kunstmesse Paper Positions in der Haupthalle des Flughafens Tempelhof. Hier ließ sich etwas Ruhe im Großstadttrubel finden.
Ostern im Religionsvergleich: Das besondere Licht
Christlicher Kerzenzauber und Butterlampen: eine Osternacht im Freiburger Münster mit wackeligem Chor und buddhistischer Expertise.
Geburtstagsgeschenk der kreativen Art: Wie das Blümchenmuster auf den Teller kommt
Einen Nachmittag zusammen mit anderen Keramik anmalen, so etwas lässt sich buchen. Die Produktion einer eigenen Service-Serie gelingt so eher nicht.
Depot des DDR-Museums: Ein ungewöhnliches Sammelsurium
360.000 Alltagsgegenstände hat das DDR-Museum gesammelt. Die vollständige Sammlung wird nun erstmals in einem öffentlichen Depot gezeigt.
Über den Frühling in Hamburg: Wenn einen was wirklich glücklich macht
Es sind die kleinen Dinge, die im Alltag für Freude sorgen. Unserer Kolumnistin reicht ein schönes Erlebnis pro Tag. Doch das Leben bietet mehr.
Auf der Wandsbeker Polizeiwache: Mit Sicherheit warten
Wenn das Portemonnaie plötzlich weg ist, sollte die Polizei doch die nächste Adresse sein. Dort aber braucht man Geduld und muss auch warten können.
Mongolische Selbstvergewisserung: Die alte Klage der Pferdekopfgeige
In der Mongolei sieht man die Zeit als Kriegsmacht als vorbei an und setzt nun auf Soft Power. In Berlin durfte man dabei von erfundener Tradition hören.
Fangesänge im Museum: Fußballhymnen mit dem Drang zur Kunst
Legendär ist der Büchsenwurf, der fest zum Mythos vom Bökelberg zählt. Nun hat Borussia Mönchengladbach auch die erste atonale Fußballhymne der Welt.