taz.de -- Beschwerde gegen ChatGPT: Wenn die KI einem Nutzer einen Mord zuschreibt

Immer wieder generieren KI-Chatbots Falsches über Menschen. Einen Norweger hat es nun besonders schwer getroffen.

Bild: Der undurchsichtige Chatbot von Open AI hat schon wiederholt Falschinformationen über Menschen verbreitet

Berlintaz | Es klingt wie eine Szene aus einem Psychothriller: Ein Mann fragt beim KI-Chatbot ChatGPT nach Informationen zu seinem eigenen Namen. Worauf er nicht vorbereitet war: Der Chatbot generierte daraufhin eine Antwort, in der es wahrheitswidrig unter anderem hieß, er habe zwei seiner Kinder ermordet, beim Dritten habe er einen Mord versucht und sei für die Taten zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft verurteilt worden. Die falsche Schilderung enthielt aber durchaus reale Elemente über den Nutzer aus Norwegen, unter anderem den Namen seiner Heimatstadt.

Unterstützt wird der Betroffene nun von der Datenschutzorganisation noyb, die für diesen Fall Beschwerde vor der norwegischen Datenschutzbehörde eingereicht hat. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gilt auch dort, Norwegen ist Teil des Europäischen Wirtschaftsraumes.

„Die DSGVO ist hier unmissverständlich. Persönliche Daten müssen korrekt sein“, erklärt Joakim Söderberg, Jurist bei noyb. Nutzer:innen hätten das Recht, Falschinformationen richtigstellen zu lassen. Lediglich einen Hinweis anzuzeigen, dass die generierten Informationen nicht notwendigerweise korrekt sind, sei nicht ausreichend.

ChatGPT ist [1][eine der am meisten genutzten Anwendungen] generativer künstlicher Intelligenz, also von KI, die zum Beispiel auf eine Texteingabe hin weiteren Text, Bilder oder Videos erzeugt. Dass dabei Inhalte entstehen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, ist nicht neu. ChatGPT generierte unter anderem bereits nicht existente wissenschaftliche Quellen, Fehlinformationen zu Parteien und falsche Informationen über Menschen.

Nicht das erste Verfahren

Es läuft [2][bereits ein Verfahren], in dem noyb Beschwerde eingereicht hat, weil der Chatbot ein falsches Geburtsdatum zu einer Person erzeugt hat. Das Generieren fehlerhafter Inhalte wird häufig unter dem Begriff „Halluzinationen“ zusammengefasst. Dieser ist jedoch problematisch, weil er den Chatbots damit eine menschliche Eigenschaft zuschreibt.

Philipp Hacker, Professor für Recht und Ethik der digitalen Gesellschaft an der Europa-Universität Viadrina, bezeichnet das Vorgehen von noyb auf Basis der Datenschutz-Grundverordnung als „strategisch klug“. „Damit lässt sich ein europaweit geltendes Urteil erstreiten, und für einen Schadenersatzanspruch muss kein Verschulden nachgewiesen werden, die Haftung ist also strikter als im Bereich des Persönlichkeitsrechts“, so Hacker gegenüber dem Science Media Center.

Zudem liege die Rechtsdurchsetzung auf diesem Weg zunächst bei den Datenschutzaufsichtsbehörden. Auf deren Arbeit könne sich der Betroffene dann gegebenenfalls berufen, wenn er später eine Zivilklage anstrengt.

Mögliche Folgen

Die Frage ist: Was könnte – neben einem möglichen Bußgeld und eventuellen Schadenersatzansprüchen – die Konsequenz aus dem Fall sein? „Es ist gegenwärtig technisch nur sehr schwer möglich, diese Halluzinationen einzudämmen oder gar auszuschließen“, sagt Hacker. Wenn die Verstöße zu viele und zu schwerwiegend seien, könne eine Aufsichtsbehörde das entsprechende KI-System zeitweilig sperren, bis die Probleme behoben sind. Das entschied etwa die italienische Datenschutzaufsichtsbehörde bei ChatGPT und später auch bei dem chinesischen Anbieter DeepSeek.

„OpenAI könnte dann entweder versuchen, die Suche nach Personen gänzlich zu unterbinden oder mit der Datenschutzaufsichtsbehörde und gegebenenfalls letztlich dem Geschädigten und einem Gericht eine Einigung dahingehend zu erzielen, dass zumindest die Wahrscheinlichkeit derartiger Fehler durch Filtermaßnahmen und ein funktionierendes Notice-and-Action-System drastisch reduziert wird“, so Hacker. Das Unternehmen müsste also niedrigschwellige Beschwerdewege für Nutzer:innen einrichten und die Ausgabe von Falschinformationen nach entsprechenden Hinweisen unterbinden.

Ein Sprecher von OpenAI teilte auf Anfrage mit, dass die vorliegende Beschwerde noch geprüft werde. Das Unternehmen habe jedoch bereits reagiert und eine Onlinesuche in den Chatbot eingebaut. Das solle die „Genauigkeit“ der Ergebnisse verbessern.

24 Mar 2025

[1] /ChatGPT-mit-Tuecken/!5924109

[2] /Beschwerde-gegen-OpenAI-in-der-EU/!6007268

AUTOREN

Svenja Bergt

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Schwerpunkt Künstliche Intelligenz

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Verbraucherschutz

ChatGPT

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