taz.de -- Umstrittene Suchtmittel: Tabakkonzern fordert legalen Verkauf von Nikotinbeuteln

Die Deutschen rauchen weniger als früher, die Branche sucht neue Geschäftsfelder. Aber: Auch die neuen Produkte sind ungesund und machen abhängig.

Bild: Anders als sogenanntes Snus enthalten Nikotinbeutel keinen Tabak, aber Aromen

Berlindpa | Deutschlands [1][Tabakbranche] dringt auf die Zulassung von Nikotinbeuteln, die als weniger schädliche Alternative zu Zigaretten dargestellt werden. „In vielen anderen EU-Staaten sind sie legal zu kaufen, aber Deutschland lässt das nicht zu – damit verzichtet der Bund auf Steuereinnahmen und auf die Kontrolle der Produkte“, sagte der Geschäftsführer External Affairs von Philip Morris Deutschland, Torsten Albig, der dpa in Berlin.

Der frühere SPD-Politiker hofft darauf, dass die neue Bundesregierung den Verkauf der „Pouches“ (englisch für Beutel) in Geschäften legalisiert. „Erwachsenen Rauchern können sie helfen, um von der Zigarette wegzukommen.“ Gesundheitsforscher*innen und Politiker*innen warnen hingegen vor den Gefahren der Pouches, dies auch mit Blick auf junge Menschen.

Die kleinen Beutel werden unter die Oberlippe geschoben, damit der Körper Nikotin aufnimmt. Anders als sogenannte [2][Snus], die in Skandinavien besonders beliebt sind, enthalten sie keinen Tabak, aber Aromen. Sie schmecken etwa nach Menthol, Zimt oder Früchten. Unlängst hatte die US-Behörde FDA die Vermarktung bestimmter Nikotinbeutel-Produkte in den USA genehmigt, diese Entscheidung verstehen die Hersteller als Rückenwind.

Die Tabakbranche ist im Wandel. [3][Der Konsum von Zigaretten ist stetig zurückgegangen]. Die großen Konzerne wollen ihr Geschäftsmodell deshalb mit rauchfreien Produkten in die Zukunft retten, dafür wurden Milliarden investiert. Zu den Produkten gehören E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel. Es geht steil nach oben: 2024 verkaufte Philip Morris 644 Millionen Dosen Nikotinbeutel, 53 Prozent mehr als 2023. Die Nikotinbeutel-Marke des Konzerns heißt Zyn.

Verkaufsverbot in Geschäften

Die Situation in Deutschland ist kurios: Die Pouches sind vom Staat anders als die ebenfalls tabakfreien E-Zigaretten nicht als tabakähnliches Produkt eingestuft, sondern als Lebensmittel. Weil Lebensmittel aber kein Nikotin enthalten dürfen, dürfen sie in Geschäften nicht verkauft werden. Im Internet sind sie jedoch bestellbar – etwa aus Schweden.

„Das ist absurd: Ein deutscher Händler darf es nicht verkaufen, aber der Verbraucher darf es aus dem EU-Ausland zu sich schicken lassen“, sagt Lobbyist Albig. Hinzu komme, dass viele Kioske Schwarzmarkt-Produkte anböten. „Es gibt schwere Verwerfungen am Markt – und der Bund tut nichts, um das zu beenden.“

Albig räumt ein, dass die Produkte Risiken haben. „Nikotin macht süchtig. Aber wenn du rauchst, dann ist das eine sehr geeignete Alternative, um die Schäden des Rauchens zu vermeiden.“

Die Verbraucherschutzminister*innen der Bundesländer sprachen sich für eine nationale Pouches-Regelung im Tabakrecht aus. Das war schon im Jahr 2021, umgesetzt wurde das nicht. Und heute? Das Bundesernährungsministerium verweist auf Brüssel. Eine EU-einheitliche Vorgehensweise und Regelung sei „dringend erforderlich“, sagt ein Ministeriumssprecher.

Pouches machen abhängig und sind ungesund

Die Forderung der Konzerne stößt auf Kritik. Es sei scheinheilig, dass Tabakfirmen die Produkte als risikoreduzierte Alternative zum Rauchen bewerben, sagt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). „Die Tabakbranche möchte hier angeblich ein Problem lösen, was sie selbst geschaffen hat und mit dem Verkauf von Zigaretten aufrechterhält – [4][deswegen gibt es Zehntausende Krebstote pro Jahr].“

Aber Nikotinbeutel können doch beim Ausstieg aus dem Rauchen helfen? „Nikotinbeutel sind keine zugelassenen Entwöhnungsprodukte wie Nikotin-Kaugummis oder Nikotin-Pflaster, die ein medizinisches Verfahren durchlaufen und ihre Wirksamkeit nachgewiesen haben“, sagt die Biologin. „Nikotinbeutel sind durchdesignte Lifestyle-Produkte, die vor allem junge Leute ansprechen und ihre Konsumenten in die Abhängigkeit bringen.“

Über die genaue Schädlichkeit der Pouches wisse man noch nichts, weil es keine Langzeitstudien gebe. „Nikotin ist ein Nervengift, das zu Übelkeit und Erbrechen und in höherer Dosis zu Krämpfen und Atemnot führen kann. Außerdem steht es im Verdacht, das Wachstum von Tumoren zu fördern.“

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Linda Heitmann warnt ebenfalls: Nikotinbeutel sollten nicht „als vermeintliche Wohltat der Tabakindustrie für die öffentliche Gesundheit bagatellisiert werden“. Nikotin habe ein hohes Abhängigkeitspotenzial, so die Grüne. „Wer früh im Leben raucht, wird später leichter süchtig sein – das gilt für Nikotin, egal ob geraucht, verdampft oder unter die Lippe gepackt.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Tino Sorge betont, dass jede süchtig machenden Substanz schädlich sei. „Insbesondere bei Jugendlichen und Schwangeren drohen ernste Gefahren durch die aufgenommenen Nikotinmengen, die sogar höher sein können als bei Zigaretten.“ Sorge ist gegen eine Verkaufsfreigabe in Geschäften. „Es wäre falsch, den Zugang hierzulande ohne Not zu erleichtern.“

Auch der Bundessuchtbeauftragte Burkhard Blienert (SPD) ist dagegen: „Ich sehe die große Gefahr, dass diese Produkte innerhalb kürzester Zeit Tausende von Jugendlichen nikotinabhängig machen würden.“

Tabakkonzerne setzen auf Nikotinbeutel

Neben Philip Morris setzen auch andere Tabakkonzerne auf Nikotinbeutel. Japan Tobacco International (JTI, „Camel“) berichtet bei seiner Marke Nordic Spirit von einem starken Wachstum in Märkten wie Großbritannien, Schweden und der Schweiz.

Nikotinkonsumentinnen und -konsumenten suchten nach Alternativen zum Rauchen, sagt eine Firmensprecherin. „Nikotinbeutel sind nicht risikofrei, gelten aber im Allgemeinen als weniger schädlich für erwachsene Raucherinnen und Raucher als Zigaretten.“

„Lucky Strike“-Anbieter British American Tobacco (BAT) setzt auf seine Pouches-Marke Velo, die in Staaten wie Österreich, der Schweiz, Dänemark und Polen verkauft wird. Zuletzt stieg die verkaufte Menge um die Hälfte.

21 Feb 2025

[1] /Tabakindustrie/!t5040110

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Snus

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/182391/umfrage/zigarettenkonsum-pro-tag-in-deutschland/

[4] /Tabakkonsum/!6061880

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