taz.de -- Bayern München und das Oktoberfest: Wiesn, Maß und Lederhosen

Der Fußballrekordmeister nutzt auch in diesem Jahr das Münchner Volksfest zur PR-Offensive. Los ging es mit den Mannschaftsfotos in Tracht erst 1980.

Bild: Trikots und Lederhosen werden im Haus der Bayrischen Geschichte ausgestellt

Wenn sich der August dem Ende entgegenneigt, steht der September vor der Tür und damit das [1][Oktoberfest]. So will es der Kalender. In München gibt es dann kaum noch ein anderes Thema in den lokalen Medien als das große Volksfest. Die tz sucht das Wiesnmadl 2024, und der Abendzeitung ist zu entnehmen, dass bei den Farben der Dirndl in diesem Jahr „die Palette von rauchigen Blautönen über Purpur- und Rotschattierungen bis hin zu Grünnuancen wie Salbei und Oliv“ reicht. Auch beim [2][FC Bayern München] wird in diesen Tagen das voroktoberfestliche Brauchtum gepflegt.

Ende August stand, ganz wie es die Tradition vorschreibt, das Lederhosenshooting auf dem Kalender von Spielern und Betreuern des Teams. Der Fototermin, bei dem die Spieler in der Trachtenausgehuniform des FC Bayern posieren, um damit Werbung für den Bierpartner des Klubs zu machen, ist längst zur Tradition geworden.

Mehrere Tage sorgte das [3][Shooting] für Schlagzeilen in der Münchner Presse. Wer prostet da wem mit welchem Blick zu? Warum schaut Alphonso Davis ins Irgendwo? Hat man [4][Kingsley Coman] so weit links außen postiert, damit er möglichst gut rausgeschnitten werden kann, falls er den Verein verlässt? Und warum prostet er dem Torwarttrainer Michael Rechner zu, mit dem er doch eigentlich nichts zu tun hat?

Fußballfans, denen ihr Bekenntnis zum Islam offenbar ähnlich wichtig ist wie ihre Liebe zum Sport, gerieten schier außer sich vor Freude darüber, dass Bayerns Neuzugang [5][Sacha Boey] kein Bier in der Hand hatte. Sie feiern ihn in den sozialen Medien, als hätte er mit einem Tor die Champions League nach Mekka geholt.

Dabei ist er nicht der erste muslimische Bayer, der ohne ein Bierglas in der Hand zur Brauereiwerbung geschritten ist. Bayerns einstiger Lieblingsfranzose [6][Franck Ribéry] hatte ebenfalls darauf verzichtet, ein Weißbierglas in die Kamera zu halten.

Dirndlfasching, doch gar kein Biertrinkzwang

Auch darüber wird intensiv berichtet in den Münchner Medien, und man kann bloß hoffen, dass es dereinst nicht wirklich einer Heldentat gleichkommt, ohne Bier zu einem Fototermin des FC Bayern München zu gehen. Wer das Geschrei von Bayerns Ministerpräsident [7][Markus Söder] bei seinem Bierzeltauftritt im Gillamoos zu morgendlicher Stunde am Montag verfolgt hat, würde sich jedenfalls nicht wundern, wenn das Vertilgen einer Halben Bier bald schon Teil des Medizinchecks beim FC Bayern würde. „Das ist unser Land“, hatte Söder gesagt, „und unser Land muss von uns geprägt werden.“ Na dann prost!

Noch ist es nicht so weit. Und so wird bald schon ein zünftiges „Die Krüge hoch!“ durch das Festzelt hallen, in dem der FC Bayern seinen traditionellen Oktoberfestbesuch absolviert. Die neue Trachtenkollektion des Klubs darf dann das Licht der Wiesn erblicken, so wie es seit den 1980er Jahren der Fall ist. Vor 1980 war der FC Bayern, so wie ganz München, weitgehend trachtenfrei.

Wer den Lederhosen- und Dirndlfasching, zu dem das Oktoberfest verkommen ist, nicht zu schätzen weiß, wird die Jahre vor 1980 als die gute alte Zeit bezeichnen. Wie groß die Schuld des FC Bayern daran ist, dass sich München von einer herkömmlichen Großstadt zu einem wahren Folkloremoloch, in dem es immer ein wenig nach gegerbtem Leder riecht, zurückentwickelt hat, lässt sich nicht genau bemessen. Dass der Klub seinen Teil dazu beigetragen hat, dürfte indes kaum einer bestreiten.

1980 haben die Spieler zum ersten Mal in der Lederhose den Gewinn der deutschen Meisterschaft auf dem Münchner Rathausbalkon gefeiert. Seitdem gab es trachtenmäßig kein Halten mehr. Beim FC Bayern nicht und auch nicht auf dem Oktoberfest.

4 Sep 2024

[1] /Oktoberfest/!t5013184

[2] /FC-Bayern-Muenchen/!t5411062

[3] /FC-Bayern-nach-03-gegen-Gladbach/!5538189

[4] /FC-Bayern-in-Personalnot/!6001603

[5] /Spitzenspiel-in-der-Fussball-Bundesliga/!5988757

[6] /Franck-Ribery/!t5012984

[7] /Markus-Soeder/!t5022389

AUTOREN

Andreas Rüttenauer

TAGS

Kolumne Kulturbeutel

FC Bayern München

Oktoberfest

ARTIKEL ZUM THEMA

Outfits zur Fußball-WM: Neuer Farbanstrich

Die WM-Teilnehmer präsentieren rechtzeitig vor dem Turnier ihre neuen Auswärtstrikots. Deutschland ist jetzt blau, was vor allem der CDU gefällt.

Ende einer Fußballtradition: Infantinos Wiesn-Wahnsinn

Der FC Bayern München wird künftig nicht mehr zur Oktoberfestzeit spielen. Wie die finstere Fifa mal eben eine Tradition abgeräumt hat.

Zu Besuch in Fredericksburg: High Noon für Texasdeutsch

Im Herzen von Texas sprechen Menschen seit dem 19. Jahrhundert einen eigenen deutschen Dialekt. Der droht auszusterben. Was geht mit Texasdeutsch verloren?

Nach Recherchen zum Klaasohm-Fest: Ab jetzt Party ohne Prügel

Künftig wird beim Borkumer Fest auf das Schlagen von Frauen verzichtet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen einen Täter und gegen die Polizei.

Die Wahrheit: Lebenslänglich Bayer: Monaco di Baviera

Italienische Woche der Wahrheit: Weswegen gleich mehrere deutsche Städte behaupten, die nördlichste Stadt Italiens zu sein. Ciao bella!

Umstrittene Trikots in der Bundesliga: Des Fußballs reine Farbenlehre

Ein Trikot in den falschen Farben kann eingefleischte Fans auf die Palme bringen. Das ist in Paderborn nicht anders als bei Bayern München.

Furioser Auftritt des FC Bayern: Ach du rote Neune!

Bayern München stellt zum Auftakt der Champions League mit dem 9:2-Erfolg gegen Dinamo Zagreb gleich einen Rekord auf.

Kolumne Kulturbeutel: Von der Piste auf die Ohren

Felix Neureuther wird doch kein Schlageraffe, Hansi Hinterseer bleibt einer und Dominik Paris grunzt. Von Skirennfahrern und ihren Liedern.

Kolumne Kulturbeutel: Kicker und die Hunde von Berlin

Der deutsche Fußball kommt in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ nicht gerade gut weg. Er ist so verkommen, dass es direkt lustig ist.

Kolumne Kulturbeutel: Die Jahreshauptversammlung an sich

Ein Bericht von einer bilderbuchhaften, ja geradezu traumhaften Vereinssitzung. Was Uli dabei sicher weiß: Auch Alpträume sind Träume.

Proxied content from gemini://taz.de/%216031298 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216031298
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.