taz.de -- PMDS kann lebensgefährlich sein: Suizidgedanken leider nicht selten

PM(D)S kann einen das Leben kosten. Auch wegen der Ignoranz gegen prämenstruelles Leid. Daher ist direkter Austausch mit anderen Betroffen wichtig.

Bild: Depressive Frau

Diese Kolumne beginne ich mit einer Triggerwarnung, es geht um Suizid. Ich höre gerne [14][Schlager] und da darf „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros nicht fehlen. Richtig oft stimmt das auch. Ich liebe das Leben, erfreue mich an Kleinigkeiten, bin von Dankbarkeit und Liebe erfüllt, halte mir den Bauch vor Kichern, tanze auf der Straße herum.

Ich kenne aber auch das Gegenteil. Den Wunsch, [15][nicht mehr leben] zu wollen. Damit das ewige Fühlen endlich aufhört. Dann ziehe [16][ich mich zurück] und gebe mich diesen Vorstellungen hin. Oft kommt das nicht vor. Doch eigentlich ist jedes einzelne Mal eins zu oft.

Viele Jahre habe ich gebraucht, zu verstehen, dass auch die Intensität dieses Wunsches mit meinem Menstruationszyklus zusammenhängt. Damit bin ich nicht alleine. Auch wenn ich mich lange alleine damit wähnte. Wie man sich mit so vielem alleine wähnt, bis man den Mut aufbringt, darüber zu sprechen.

Relativ ungeniert breite ich mein prä- und auch postmenstruelles Seelenleben auf Instagram aus. Dadurch entstehen Gespräche, die den üblichen Smalltalk überspringen und sich direkt dem Eigentlichen widmen. Statt Sammelkarten werden in den Privatnachrichten seelische Abgründe getauscht. Oder das, was bis – zum Austausch – für seelische Abgründe gehalten wird.

Es ist erstaunlich, wie viel von dem, wofür wir uns schämen, von dem wir denken, es niemals jemand sagen zu können, andere Menschen auch denken.

Austausch knüpft Bande

Etliche Köpfe, die sich selbst zermartern, einsam und unverstanden fühlen. Beim Thema Suizidgedanken kommt noch eine weitere Komponente hinzu, die anderen nicht ängstigen, nicht belasten zu wollen. Dabei kann ein Austausch diese Gedanken auch relativieren, sie nicht als Wunsch zu sterben, sondern als Wunsch nach einem Ende des Leids einordnen.

Austausch knüpft Bande, Austausch kann ein Katalysator für Widerstand gegen die Ignoranz der Wissenschaft gegenüber prämenstruellem Leid, das sogar im Suizid münden kann, sein.

Denn PM(D)S kann einen das Leben kosten. Nicht immer bleibt es lediglich bei den Gedanken. Laut einer 2022 [17][veröffentlichten Studie] mit 2.689 Menstruierenden, die an PMDS-Symptomen litten, berichteten 34 Prozent der Teilnehmenden über einen Suizidversuch.

Zahlen dazu, wie viele Menstruierende sich bereits während PMDS das Leben genommen haben, konnte ich nicht finden. Gestern war meine Menstruation vorbei, nun sind mir wieder zwei, drei Wochen vergönnt, in denen Vicky Leandros Song „Ich liebe das Leben“ durch die Wohnung schmettert.

Rückwirkend lässt sich mein PMDS diesen Monat als zehntägige und äußerst dramatisch inszenierte Ouvertüre mit Suizidgedanken beschreiben. Es war nicht durchgängig, doch immer noch so ausgeprägt, dass sogar ich mich nicht traue, offen darüber zu sprechen.

Fatalerweise kam hinzu: Ich war mir nicht sicher, ob es PMDS ist, da mein Zyklus momentan mal 28 und mal 36 Tage lang ist. Diese Unsicherheit verstärkte die Verzweiflung und führte zur gedanklichen Eskalation.

Solltet ihr Suizidgedanken haben, sprecht bitte mit euren Mitmenschen darüber oder ruft die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800 1110111 an. Es [18][gibt Hilfe], ihr seid nicht alleine. Versprochen.

28 Jun 2024

[14] /Schlagermove-in-Hamburg/!6011526

[15] /Umgang-mit-Suizid-in-den-Medien/!6006897

[16] /Behandlung-von-Depressionen/!5995963

[17] https://bmcpsychiatry.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12888-022-03851-0

[18] /Hilfsangebote-bei-suizidalen-Gedanken/!6009869

AUTOREN

Sarah Lorenz

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