taz.de -- Politik auf Social Media: Werdet endlich auf Tiktok aktiv!

Die AfD ist die größte Partei auf TikTok. Sie hat Einfluss auf die Jungen. Ein Appell an alle, die die Demokratie lieben.

Bild: Zeit, TikTok zu bespielen

Die [3][AfD ist auf Tiktok]. Und zwar so richtig. Keine andere Partei in Deutschland hat dort auch nur ansatzweise den Erfolg, den rechtsextreme Influencer dort verbuchen. Gefischt wird vor allem nach der jungen Zielgruppe, und die begegnet auf Social Media auch kaum anderen Meinungen. Das ist brandgefährlich.

Vertreter*innen demokratischer Parteien haben es sich viel zu lange bequem gemacht. Tiktok gilt als Trend, als Pillepalle-Plattform für Tanzvideos, als unterkomplex und unseriös. All das ist aber im Grunde wurscht. Denn jetzt gerade, ein halbes Jahr vor den Landtagswahlen im Osten, ist Tiktok nun mal der Kanal, der die meisten jungen Menschen erreicht.

Was sie da zu sehen bekommen, entscheidet darüber, was sie als ernstgemeintes politisches Angebot wahrnehmen. Deshalb: Wer Tiktok ignoriert, nimmt in Kauf, dass Demagogen und Rechtsextreme von jungen Menschen als die einzige politische Kraft wahrgenommen werden, die sich für sie interessiert – und dass ihre [4][Inhalte normalisiert] werden.

Wir brauchen ernsthafte Politikangebote auf Tiktok. Ja, Fake News sind ein Problem, Hass und Hetze auch. Ja, es braucht Strategien, um all das zu bekämpfen. Aber gesetzliche Regulatorik ist das eine – Reichweite etwas ganz anderes. Wer der Dominanz menschenfeindlicher Inhalte etwas entgegensetzen will, muss eigene Inhalte erarbeiten und sie an die Zielgruppe bringen. Eitelkeiten und Berührungsängste können wir uns nicht mehr leisten.

Es stimmt: Inhalte sind auf Tiktok anders aufbereitet als in den „Tagesthemen“. Ja, da geht manchmal Komplexität verloren. Aber: Es gibt längst vertikale Videoformate mit Millionen-Reichweite, die anspruchsvolle Themen aus Wissenschaft und Politik besprechen.

Ja, der Algorithmus und die Aufmerksamkeitsspanne in den Feeds der Plattformen haben eine starke Auswirkung auf die Dramaturgie von Videoinhalten. Es sind die ersten Sekunden, in denen der Creator die Zuschauenden mitnehmen muss – mit Emotionen oder interessanten Fakten. Aber das heißt nicht, dass politische Themen sich nicht aufbereiten lassen. Im Gegenteil: Politik liefert die Emotionen, auf die der Tiktok-Algorithmus so sehnlichst wartet. Die AfD schafft das ja schließlich auch.

Liebe demokratische Politiker*innen: Social Media ist Arbeit. Macht euch dran – oder bezahlt jemanden dafür. Nehmt die Kommunikation euer Parteien und Fraktionen auf Tiktok genauso ernst wie die Pressearbeit auf den traditionellen Kanälen und sorgt dafür, dass ihr in Sachen Reichweite hinterherkommt.

Dies ist ein Appell an alle, die die Demokratie lieben: Ihr seid gefragt! Die AfD fürchtet nichts mehr als die Präsenz junger und alter Menschen auf Tiktok und Instagram, die sich klar und emotional für demokratische Werte aussprechen. Eine Bewegung, der ihr euch anschließen könnt, gibt es schon: Unter [5][#ReclaimTikTok] produzieren seit Anfang März diverse Content-Creator*innen regelmäßig Videos auf der Plattform. Die meisten von ihnen sind Neulinge auf Social Media, trotzdem kommen sie auf zehn Millionen Impressionen insgesamt in kürzester Zeit und einige viral gegangene Videos.

Martin Sellner, Kopf der Identitären Bewegung, und andere rechtsextreme Influencer macht das offenbar nervös: in entsprechenden Telegram-Channels reagierten sie auf die Kampagne mit wütenden Emojis. Nicht nur Rechte und Demokratiefeinde können Tiktok – sondern auch Progressive und Linke. Dafür müssen wir aber alle aus unserer Komfortzone. Zeit, damit anzufangen. Klick.

24 Mar 2024

[3] /Antifeminismus-auf-Tiktok/!5995016

[4] /Gefahr-antidemokratischer-Tendenzen/!5937734

[5] https://www.tiktok.com/discover/reclaimtiktok

AUTOREN

Maurice Conrad

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