taz.de -- Der Krieg in Äthiopien: Täglich töten Drohnen in Tigray

Zahlreiche Zivilisten sterben bei äthiopischen Drohnenangriffen in der aufständischen Nordprovinz Tigray.

Bild: Überlebende eines Luftangriffs werden in einem Krankenhaus in Dedebit versorgt

Berlintaz | In Äthiopiens Nordprovinz Tigray sind in den vergangenen Tagen Dutzende Zivilisten durch Drohnenangriffe ums Leben gekommen. Am Montag starben 17 Menschen beim Angriff auf eine Getreidemühle im Ort Mai Tsebri, wie humanitäre Helfer am späten Dienstag berichteten.

Erst in der Nacht zu Samstag waren bei einem Angriff auf ein Binnenvertriebenenlager in Dedebit im Nordwesten Tigrays nach Angaben von Helfern 59 Menschen getötet und 138 verletzt worden. In Reaktion darauf stellten die in diesem Teil Tigrays tätigen UN-Hilfswerke ihre Arbeit aus Sicherheitsgründen ein.

Am Mittwoch vergangener Woche bereits starben drei eritreische Flüchtlinge, darunter zwei Kinder, bei einem Angriff auf das eritreische Flüchtlingslager Mai Aini in Tigray. Am Montag dieser Woche zerstörte ein Drohnenangriff eine technische Hochschule in Atbsi im Osten Tigrays und tötete eine unbekannte Anzahl von Menschen.

Zwei Tote soll am Dienstag ein Angriff auf eine Kirche im Ort Hiwane südlich von Tigrays Hauptstadt Mekelle gefordert haben. Am Mittwoch früh meldeten tigrayische Quellen Luftangriffe auf die Flughäfen der Städte Mekelle und Shire.

Rebellenvormarsch mit Drohnen zurückgeschlagen

In Mekelle und dem Großteil Tigrays herrscht die „Tigray-Volksbefreiungsfront“ (TPLF), die sich seit November 2020 im Krieg mit Äthiopiens Zentralregierung befindet. Vor zwei Monaten waren die Tigray-Rebellen gemeinsam mit Verbündeten weit über Tigrays Grenzen hinaus ins Zentrum Äthiopiens vorgestoßen und hatten mit der Einnahme der Hauptstadt Addis Abeba gedroht.

Internationale Pendeldiplomatie zwischen Addis Abeba und Tigrays Hauptstadt Mekelle verhinderte damals eine blutige Zuspitzung des Krieges, aber ein Waffenstillstand wurde nie geschlossen.

Inzwischen hat Äthiopiens Armee vor allem durch den Einsatz von Drohnen, die aus der [1][Türkei], den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Iran stammen sollen, die TPLF-Kämpfer wieder nach Tigray zurückgedrängt.

Ob die äthiopischen Truppen nun in die aufständische Provinz hinein vorrücken wollen, ist noch offen. Das westliche Tiefland von Tigray an der Grenze zu Sudan steht ohnehin unter Kontrolle regierungstreuer Milizen der Nachbarregion Amhara.

Schwere Kriegsverbrechen auf beiden Seiten

Beiden Seiten werden schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen, doch zu Luftangriffen auf die Zivilbevöllkerung ist ausschließlich Äthiopiens Regierung in der Lage. Auf ihr Konto geht auch die monatelange Blockade humanitärer Hilfe für Tigray, dessen 6 Millionen Bewohner fast alle auf Versorgung von außen angewiesen sind. 400.000 Menschen stehen nach UN-Angaben in Tigray am Rande des Hungertodes.

Unter anderem zur Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten sowie aus Rache für die Blockade plünderten und verwüsteten die TPLF-Truppen bei ihrem Rückzug aus Amhara im November und Dezember zahlreiche amharische Ortschaften. Nun sinnen Amhara-Milizen verstärkt auf Rache. Die Fronten im Konflikt scheinen also extrem verhärtet.

Dass Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed, der in der Vergangenheit gedroht hat, die Tigray-Rebellen zu „begraben“, zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar eine „nationale Versöhnung“ ankündigte und mehrere prominente politische Gefangene freiließ, hat die militärische Lage bislang nicht entschärft. Frei kamen verhaftete [2][TPLF-Fürungsmitglieder] sowie die 2020 verhafteten prominenten Oppositionellen Eskinder Nega und Jawar Mohammed.

Radikale Kräfte in Addis Abeba kritisierten dies, und nun wird befürchtet, dass die besonders TPLF-feindlichen Amhara-Milizen sowie die Regierung Eritreas, die am Krieg gegen Tigray beteiligt ist, einen möglichen Friedensprozess stören könnten.

Am Wochenende meldete die TPLF eine eritreische Offensive in Tigray und beschuldigte Eritreas Regierung, sie wolle „alle Friedensversuche in der Region sabotieren“.

12 Jan 2022

[1] /Tuerkei-Afrika-Gipfel-in-Istanbul/!5822931

[2] /Buergerkrieg-in-Aethiopien/!5826969

AUTOREN

Dominic Johnson

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