taz.de -- Die Wahrheit: Neues vom Aer-Lingus-Kundendienst

Die irische Fluglinie streicht alle Flüge nach Frankfurt. Freilich ohne die Fluggäste vorher darauf hinzuweisen.

Die Irinnen und Iren sind geradezu impfwütig. Über 90 Prozent der Erwachsenen sind vollständig geimpft, in einigen Städten wie Waterford sind es sogar 98 Prozent. Jetzt sind die Kinder an der Reihe.

Zur Belohnung ist ab heute bei Hochzeiten wieder Livemusik erlaubt, allerdings sind vorerst nur hundert Gäste zugelassen. Darüber hinaus dürfen in den Kirchen die Hälfte der Sitzplätze besetzt werden, was in Anbetracht der vom Glauben abgefallenen irischen Schäfchen ausreichend erscheint.

Reiseveranstalter können ebenfalls aufatmen. Nach den monatelangen Einschränkungen, in denen man nur im eigenen Land Urlaub machen durfte und gnadenlos über den Tisch gezogen wurde, freut sich die Nation auf einen Billigurlaub im Ausland. Die Fluggesellschaften freuen sich auch. Nur Aer Lingus nicht. Die 1936 gegründete nationale Fluglinie Irlands hat sich offenbar vorgenommen, die potenzielle Kundschaft auf der Insel festzuhalten.

Ich hatte einen Flug nach Frankfurt gebucht und wollte einchecken. Das ging aber nicht. Ein roter Balken über meinen vermeintlichen Reisedaten verkündete, dass ich den Flug storniert hätte. Hatte ich aber gar nicht. Ich rief den Kundenservice – ein euphemistischer Tarnname – an und landete in einer Warteschleife. Dabei hatte ich den Hinweis beachtet, die Zeit zwischen morgens und nachmittags wegen Überlastung zu meiden, und versuchte es am frühen Abend, aber da hatten die meisten Mitarbeiter wohl bereits Feierabend. Ich stellte das Telefon auf Lautsprecher und wurde mit grauenhafter Musik gequält, die wie eine Schellackplatte aus den dreißiger Jahren klang. Nebenbei kochte ich.

Eine Frau namens June

Als ich nach 87 Minuten mein Dinner gerade appetitlich auf dem Teller angerichtet hatte, meldete sich eine Frau namens June, die offenbar in einer Blechtonne saß. Sie sprach kaum Englisch, und so wäre die Unterhaltung beinahe schon zu Beginn gescheitert, weil sie die „three“ in meiner Buchungsnummer als Buchstaben „tee“ interpretierte und mir erklärte, dass ich gar nicht gebucht hatte.

Schließlich klappte es doch noch mit der Verständigung. Der Flug sei gestrichen, erklärte sie mir. Alle Flüge nach Frankfurt seien gestrichen, man könne erst wieder Ende Oktober fliegen. Aer Lingus hält es offenbar für Zeitverschwendung, die Kundschaft über stornierte Flüge zu informieren. Ob sie mir bei der Erstattung des Flugpreises helfen könne? Im Prinzip schon, antwortete June, aber sie müsse erst bei der entsprechenden Stelle nachfragen. Ich solle warten.

Wenigstens wurde ich diesmal nicht mit grässlicher Musik gequält, sondern hörte nur Meeresrauschen, und zwar eine halbe Stunde lang. Vermutlich war die Kundenberaterin aus ihrer Blechtonne geklettert und schwimmen gegangen. Dem Meeresrauschen nach zu urteilen, lebte sie nahe am Wasser, wahrscheinlich an einem sonnigen Ort mit Sandstrand, der für Aer-Lingus-Kunden ein Traum bleiben wird.

6 Sep 2021

AUTOREN

Ralf Sotscheck

TAGS

Kolumne Die Wahrheit

Irland

Hotline

Fluggesellschaften

ARTIKEL ZUM THEMA

Die Wahrheit: Guinness und Kartoffeln

Nicht nur die Iren sind froh, dass Nadine Dorries nicht Nordirlandministerin geworden ist. Nie sah die Welt eine schlichtere Bestseller-Autorin.

Die Wahrheit: Überführt durch einen Käse

Wer was wissen will über die Welt, der muss Zeitung lesen. Wer dazu was Witziges lesen will, der muss Lokalzeitungen lesen.

Die Wahrheit: Mayos verfluchte Fußballer

Vor 70 Jahren gewann die Grafschaft Mayo mit ihrem Team das letzte Mal ein Finale im Gaelic Football. Schuld ist eine Beerdigung.

Die Wahrheit: Schutzimpfung bei Lucie Leydicke

Lang ist es her, und Vater war's aus Gründen zufrieden: Der erste Alkoholexzess in jungen Jahren hat es stets arg in sich.

Die Wahrheit: Didgeridoo gegen Schnarchen

Kann es sein, dass Wissenschaft nur die höchste Form zur Verbreitung von Nonsens ist? Hanebüchene Beispiele gibt es genug.

Die Wahrheit: Wenn Iren kommunieren

Katholiken und Corona: Die Show muss weitergehen, immer weiter. Die Kirche hat nämlich immer noch Vorrang vor Kindern.

Proxied content from gemini://taz.de/%215795255 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215795255
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.