taz.de -- Strategie der Lockdown-Lockerungen: Kinder testen – täglich und überall
Während viele Eltern mit Betreuung und Homeschooling verzweifeln, spielen die Kultusminister:innen mit wachsender Begeisterung Föderalismus.
Bild: Schnelltest muss sein: Schülerin in Magdeburg vor dem Unterricht
In schwierigen Zeiten betont man am besten die frohe Botschaft: [3][Die Kanzlerin und die Länderchef.innen werden am Mittwoch voraussichtlich beschließen], dass es „besonders bedeutend“ ist, jetzt für Kinder, Jugendliche und deren Eltern Planungsperspektiven zu schaffen. Die Länder sollen deshalb im Rahmen von Testkonzepten den Schul- und Kitabetrieb sicherstellen. So weit, so überschaubar.
Aber wie irrwitzig, in der Phase der Mutationen [4][die Schulen länderweise und nach politischem Kalkül zu öffnen], um die Voraussetzungen dafür erst jetzt nachzureichen. Und selbst dann belässt man die Testperspektiven, die Voraussetzungen für Schul- und Kitaöffnungen im Ungefähren der Länderhoheit.
Pro „Präsenzwoche“ soll es ein oder zwei Tests geben. Dafür braucht es noch ein Konzept, das die Länder erstellen sollen. Was heißt „pro Präsenzwoche“, was bedeutet „im Rahmen von Testkonzepten“? Ist geklärt, wer das finanziert, oder scheitert daran alles? Warum gibt es neben der nationalen Teststrategie nicht längst ein einheitliches Testkonzept? Genauso wenig wie die Entwicklung von Impfstoffen ist die Verfügbarkeit dieser Tests schließlich ein Selbstläufer. Das lässt ahnen, wo wir stehen.
Dort, wo viel geredet wird, wo man lange zusammensitzt, haben die Aerosole beste Bedingungen. In einem Museum wird, je nach kulturellem Habitus, aber eher nicht so viel gesprochen und auf engem Raum verweilt. Auch im Gartencenter hält man kaum langatmige Reden ans Volk.
Eltern leisten den Job der Schule
Schulen wie Kitas aber sind qua Sinn und Zweck Orte des Redens, des Beisammensitzens; auch wenn sie nicht Haupttreiber der Pandemie sind. Deshalb war die ganze Debatte über Schulen in den vergangenen 12 Monaten, Verzeihung, partiell hirnrissig und streckenweise verlogen. Rechthaberisch haben sich die Experten Studien zur Rolle von Schulen in der Pandemie um die Ohren geschlagen.
Von Konzeptionen für diesen Ort, an dem viele Menschen zusammenkommen, war unterdessen wenig zu erfahren. Seit einem Jahr wird eine Generation ins Off geschickt. Eine flächendeckende Versorgung mit Tablets ist Illusion, immerhin: Bei manchen funktioniert die Lernplattform, manche haben Eltern, die den Job der Schule leisten. Und während viele Eltern unter der Belastung verzweifeln, spielen die Kultusminister.innen mit wachsender Begeisterung Föderalismus.
Wenn die Eingangsformel von Kanzlerin und Länderchef.innen ernst gemeint sein sollte, müssen tägliche Tests an Schulen und Kitas jetzt Priorität vor anderen Einrichtungen haben – auch Priorität vor [5][den Feinheiten des Föderalismus].
3 Mar 2021
LINKS
[3] /Coronamassnahmen-von-Bund-Laender-Gipfel/!5750806
[4] /Schul-und-Kitaoeffnungen-in-der-Pandemie/!5746537
[5] /Coronapolitik-der-Bundesregierung/!5752320
AUTOREN
Barbara Junge
Schwerpunkt Coronavirus
Schule und Corona
Föderalismus
ARTIKEL ZUM THEMA
Coronamaßnahmen von Bund-Länder-Gipfel: Gelockerter Lockdown
Ein Beschlusspapier sieht trotz steigender Infektionszahlen Öffnungen für Einzelhandel und Gastronomie vor. Die Hoffnung liegt auf Nasenbohrtests.
Kita- und Schulöffnungen im Lockdown: Ihr Kinderlein kommet
Der Lockdown wird wohl bis zum 28. März verlängert. Dennoch will der Berlin ab Montag die Kitas wieder voll öffnen. Schulen werden auch voller.
Aktuelle Nachrichten in der Coronakrise: Lockdown voraussichtlich bis 28. März
Der Entwurf des Bund-Länder-Gipfels am Mittwoch sieht einen Lockdown bis Ende März vor. Frankreich ändert die Altersgrenze für das Astrazeneca-Vakzin.