taz.de -- Ermittlungen gegen Maltas Regierungschef: Ein wichtiges Zeichen

Maltas Ministerpräsident Abela muss sich schweren Vorwürfen stellen. NGOs haben Anzeige erstattet.

Bild: Kaum im Amt sorgt Maltas Regierungschef für düstere Schlagzeilen

Es wäre vielleicht untergegangen, in der ganzen Corona-Aufregung, und weil sich die Öffentlichkeit an solche Nachrichten schon gewöhnt hat. Aber seit Samstag ermittelt die Polizei auf Malta gegen den Regierungschef [1][Robert Abela], den Kommandanten der Küstenwache und elf seiner Leute. Die sollen am Gründonnerstag das Motorkabel eines in Seenot geratenen Flüchtlingsboots durchtrennt haben, statt die Insassen zu retten.

Erst durch internationalen Druck – selbst die New York Times hatte wegen der Sache bei Maltas Behörden nachgebohrt – sei die Gruppe doch noch gerettet worden, sagen NGOs. Durch die Anzeige könnten die MigrantInnen jetzt als Zeugen gehört werden. Und: Letzte Woche waren im Meer fünf Leichen gefunden worden. Sie sollen von einem Boot stammen, das vor Malta in Seenot geraten sein soll. Die übrigen MigrantInnen wurden ins Bürgerkriegsland Libyen zurückgebracht. Sieben Menschen gelten als vermisst.

Wegen direkter Zurückschiebungen von Flüchtlingen auf dem Meer nach Libyen war [2][Italien] in der Vergangenheit verurteilt worden. Malta und Italien hatten in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Schiffbrüchige durch Dritte, etwa Handelsschiffe, nach Libyen zurückbringen lassen. Deshalb sind gerade weitere Verfahren anhängig oder in Vorbereitung. Hierbei dürfte die Anzeige gegen Abela nun weiteren Druck entfalten.

Erstattet hat die Anzeige die Bürgerbewegung Repubblika, die sich 2017 nach dem Mord an der [3][Journalistin Daphne Galizia] gegründet hat. Das Verfahren ist – bislang – anders gelagert als ein Verfahren gegen Italiens Ex-Innenminister Salvini. Der muss sich bald vor Gericht verantworten, weil er 2018 dem Küstenwachenschiff „Gregoretti“ mit über 130 MigrantInnen an Bord fünf Tage lang die Einfahrt verbot. Italiens Staatsanwaltschaft hat klargemacht, dass sie dies für strafbar hält. So weit ist es im Fall Abela nicht.

Die polizeilichen Ermittlungen sind noch kein Indiz dafür, wie die Justiz damit weiter umgehen wird. Auf jeden Fall aber hat Maltas Zivilgesellschaft gezeigt, dass sie es nicht hinnimmt, dass die Regierung wegen Corona die Flüchtlingsrettung offiziell eingestellt hat.

19 Apr 2020

[1] /Tote-Bootsfluechtlinge/!5679598

[2] https://taz.de/!s=malta&Titel=gefl%25C3%25BCchtete+im+mittelmeer/

[3] https://taz.de/Korruptionsbekaempfung-in-Malta/!5656796&s=daphne+galizia/

AUTOREN

Christian Jakob

TAGS

Malta

Flüchtlinge

Daphne Caruana Galizia

ARTIKEL ZUM THEMA

Parlamentswahl in Malta: Labour-Partei setzt sich durch

In Malta deutet alles auf einen Sieg der Sozialdemokraten und Ministerpräsident Robert Abela hin – trotz Skandalen und Korruptionsvorwürfen.

Mord an Journalistin auf Malta: Drahtzieher weiter unbekannt

Eine erste Verurteilung im Fall der ermordeten Journalisten Daphne Caruana Galizia gibt es nun. Doch wer die Auftraggeber sind, ist weiter offen.

Tote Bootsflüchtlinge: Ermittlungen gegen Maltas Premier

Hilfsorganisationen geben Maltas Regierungschef Robert Abela die Verantwortung für den Tod von fünf Migranten. Nun ermittelt die Polizei gegen den Premier.

Seenotrettung in Corona-Zeiten: Länder verweigern weiter Aufnahme

Die „Alan Kurdi“ wartet mit rund 150 Menschen auf eine Lösung. Derweil hat ein spanisches Schiff vor Malta 43 Schiffbrüchige geborgen.

Flüchtlinge auf Malta: Die Insel ist voll

Kein EU-Staat liegt näher an den Flüchtlingsunglücken im Mittelmeer als Malta. Die Toten vom 19. April sind hier begraben. Ein Ortsbesuch.

Proxied content from gemini://taz.de/%215677035 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215677035
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.