taz.de -- Die Wahrheit: Endlich mal Zeit für alles

Es gibt Menschen, für die ist Homeoffice schon lange der Normalzustand. Liegengebliebenes will da aber auch nicht so schnell erledigt werden.

Es ist eine kindliche Urangst: Man wünscht sich ganz fest etwas, das eigentlich nicht gut ist, zum Beispiel, dass sich die nervige kleine Schwester einfach in Luft auflöst, und – schwupps! – ist es plötzlich passiert. Dann ist das Jammern groß.

Bei mir hat sich im Lauf der letzten Zeit einige Arbeit aufgestaut, die ich unbedingt mal erledigen müsste. Wobei „im Lauf der letzten Zeit“ ein bisschen unpräzise ist. Wie ein kleines Mahnmal liegen auf dem Regal in der Küche die Kindersicherungen für die Steckdosen, die ich bereits vor der Geburt des Älteren einsetzen wollte. Der ist inzwischen dreizehn.

Wie oft habe ich mir gewünscht, mal ein, zwei Monate Zeit zu haben, um alles abzuarbeiten. Einfach eine Weile keine Termine, Reisen, Auftritte, Vorträge, Tagungen oder Feiern. Ruhe! Und nun das. Sorry, Leute! So war das nicht gemeint!

Trotzdem, das ist die Chance: Endlich mal ran an all die liegen gebliebenen Aufgaben. Dabei stelle ich ernüchtert fest, dass es möglicherweise auch Gründe gab, warum die liegen geblieben sind. Kammer aufräumen? CDs sortieren? Papiere abheften? Och nö.

Jetzt ist halt Krise

Meine Frau und die Kinder wollen nach draußen, mal raus aus der Quarantäne. Spazierengehen mache ich sonst eigentlich nie. Ich arbeite schließlich seit zwanzig Jahren im Homeoffice und sehe normalerweise zu, dass ich dort möglichst ungestört bleibe. Aber jetzt ist halt Krise, die Zeit für außergewöhnliche Maßnahmen. Also gehe ich – mitten am Tag! – nach draußen an die frische Luft.

Jeder entdeckt jetzt ganz neue Aspekte am Leben. Wie Hannes Ametsreiter, der Chef von Vodafone Deutschland: „Ich habe ganz neue Erfahrungen gemacht. Zu Hause habe ich meinen Kindern jeden Mittag das Essen gekocht. Das habe ich noch nie gemacht. Es war eine großartige Erfahrung!“ Ich bin beeindruckt. Ein Scott und Amundsen in Personalunion, und das im eigenen Haushalt. Dann kann ich ja wohl auch mal mit der Familie draußen spazieren gehen.

Wieder zu Hause, überlege ich, was jetzt zu tun ist. Da wir fast zwei Stunden unterwegs waren, hat sich sicherlich schon wieder allerhand getan in der Welt, ich könnte also sofort zurück an den Rechner und das Internet durchlesen. Andererseits: So komme ich nie dazu, all die Dinge zu erledigen, die ich im Lockdown endlich erledigen will. Irgendwas sollte ich tatsächlich jetzt angehen.

„Jungs, kommt mal her!“, rufe ich daher entschlossen meine beiden Söhne herbei. Ich greife ins Küchenregal und drücke ihnen die Kindersicherungen in die Hand: „Hier, die könnt ihr in die Steckdosen einsetzen.“ Sie gucken mich fragend an: „Wozu ist das denn gut?“ – „Na damit ihr nicht in die Steckdosen reinfasst und einen Schlag kriegt.“ Sie nicken verständig und beginnen mit dem Einbau. Sehr gut. Immerhin eine Altlast vom Tisch. Und uns stehen ja offenbar noch viele weitere Corona-Wochen bevor. Wir schaffen das!

9 Apr 2020

AUTOREN

Heiko Werning

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Schwerpunkt Coronavirus

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