taz.de -- Pinneberger Extremismus: Mitte nicht ganz dicht
Nicht nur, wenn es um die Antifa geht: Parteien beanspruchen die Politik gerne exklusiv für sich. Extrem sind aber immer nur die anderen.
Bild: Rechts und links, alles irgendwie dasselbe: heißer Scheiß Hufeisentheorie.
Die Parteien“, so steht es [1][im Grundgesetz, Artikel 21], „wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Dass Parteien und ihre Funktionär*innen diese Rolle schon mal damit verwechseln, einzig sie seien beauftragt mit dieser „politischen Willensbildung“, diesen Vorwurf nähren Vorgänge wie das, was [2][die CDU im schleswig-holsteinischen Pinneberg sich da gerade ausgedacht] hat. „Politische Veranstaltungen“ zu untersagen, weil man es kann? Und das am Ende noch als Reaktion auf die Kränkungserfahrung, die dem christdemokratischen Nachwuchs dort bereitet wurde, [3][im bösen Antifa-Haus in der Bahnhofstraße]? Geht's noch?
Längst nicht nur im Hamburger Speckgürtel gefällt sich der hier in Rede stehende Teil des Parteiensprektrums ja heute wieder mehr denn je [4][in der Position der „Mitte“]: Mögen sie an den Rändern laut sein und übertriebene Dinge vertreten, man selbst hat die Vernunft gepachtet und sowieso: recht.
Bis wieder irgendjemand „Antifa!“ ruft oder an die [5][immer selben G-20-Gipfel-Gruselbilder] erinnert; beides übrigens ganz oben im Werkzeugkasten der AfD und ihrer Online-Truppen. Dann stellt diese gegen alles Schlechte so immun sich wähnende Mitte zuverlässig unter Beweis, wie wenig sie abgedichtet ist gegen die bösen Ränder. Nicht zu vergessen: Es sind Christdemokrat*innen, die anderswo [6][mit den gar nicht so neuen Nazis stimmen], nicht diese Stalinist*innen von der Linkspartei, die es doch laut der [7][ebenfalls so populär gewordenen Hufeisen-These] viel mehr [8][sein müssten].
Haben die Pinneberger Bauchschmerzen wegen angeblich falscher Politik nun mit einer Antifa-Phobie zu tun oder nicht? Wer darüber schlecht schläft, der sollte konsequenterweise gleich das ganze Geschwister-Scholl-Haus säubern davon – und es umbenennen.
5 Mar 2020
LINKS
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_21_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland
[2] https://taz.de/Streit-um-Pinneberger-Antifa-Cafe/!5666160/
[3] https://gshpi.de/
[4] https://taz.de/Archiv-Suche/!5668187/
[5] https://taz.de/!t5417647/
[6] https://taz.de/Extremismus-Diskussion/!5664727/
[7] https://twitter.com/JulianRoepcke/status/1225726222593908736
[8] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/hufeisentheorie-hufeisenschema-rechtsextremismus-afd-linke-thueringen-102.html
AUTOREN
Alexander Diehl
NS-Widerstand
Schwerpunkt Antifa
Pinneberg
CDU
Extremismus
ARTIKEL ZUM THEMA
Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten: Erichs Rache
Rechts wie links mutmaßen Verschwörungstheoretiker, „die Medien“ schürten für Regierungen „Corona-Hysterie“. Grundwissen in Naturwissenschaften hilft.
Aus für das Antifa-Café: Politische Bildung ausgesperrt
Eine Mehrheit in Pinnebergs Stadtrat verbietet politische Veranstaltungen in städtischen Jugendhäusern. SPD und Grüne prüfen rechtliche Schritte.
Streit um Pinneberger Antifa-Café: CDU will lieber keine Politik
In Pinneberg möchte die CDU politische Veranstaltungen in städtischen Jugendeinrichtungen verbieten. Das Antifa-Café hätte dann keine Räume mehr.
Rechte Gewalt stoppen: Wie viel Staat soll es sein?
Um rechte Gewalt zu stoppen, müssen wir über konkrete Maßnahmen sprechen. Diese könnten auch für Linke unangenehm werden.
Bildmanipulation beim MDR: Ab auf die Antifa-Couch
Bei der Sendung „Sachsenspiegel“ wurde das Plakat antifaschistischer Demonstranten retuschiert. Es ist nicht der erste Fehlgriff dieser Art.