taz.de -- Framing-Begriff „Schummelsoftware“: Ein Autohersteller ist kein Schulkind

Seit mehr als drei Jahren ist der Abgasskandal öffentlich bekannt. Dabei ist oft von „schummeln“ die Rede – obwohl es eigentlich um Kriminalität geht.

Bild: Keine „Schummelei“, sondenr Betrug: Autohersteller bauten jahrelang illegale Technik in Autos ein

Berlintaz | Autohersteller bauen eine illegale Technik in Autos ein, die Millionen von Kunden betrügt sowie Klima und Gesundheit schädigt. So was nennt sich ja eigentlich „Kriminalität“. Nicht aber in Deutschland. Hier nennt sich das „Schummelsoftware“. VW bezeichnet diese Technik übrigens gekonnt als „Umschalt-Logik“. Seit mehr als drei Jahren ist der Dieselskandal öffentlich bekannt. Bis heute taucht in den Titelzeilen fast aller größeren deutschen Medien das Wort „Schummelsoftware“ auf.

Wie kürzlich wieder, bei den vielen Berichten über das BGH-Dieselurteil. Da ist die Rede auch vom „Abgas-Schummel“ ([1][Welt], [2][Bild] u.a.) und die betroffenen Autos heißen gern einmal „Schummel-Diesel“ ([3][Merkur], [4][Bild], u. a.). Ein Schummler ist ein kleiner Gauner, der sein Glück versucht hat und dabei aufgeflogen ist. Ein Schulkind, das beim Nachbarn abschreibt. Aber Autohersteller? Die Kategorie des Schummlers aktiviert in diesem Fall einen Schutzframe.

Einem Schummler kann man kaum wirklich böse sein. Einen Schummler behandeln wir anders als einen Betrüger oder Kriminellen. Dabei liefert gerade die Titelzeile das Mandat zur Polarisierung, um den unaufmerksamen Leser vom Sofa hochzuschrecken. Das Wort findet sich nicht nur in Titelzeilen. Es durchzieht ganze Textpassagen und setzt Leserinnen und Leser immer wieder seiner impliziten Botschaft („harmlos“) aus. Akzeptierter Sprachgebrauch verweist auf akzeptierte Einstellungen.

Wenn wir wissen wollen, warum in der Sache politisch so wenig passiert, warum Hersteller nicht angemessen bestraft und Kunden nicht angemessen entschädigt werden, dann gibt uns dieses Wort einen Teil der Antwort. Der herrschende Diskurs ist in Deutschland von einer verharmlosenden Sichtweise gegenüber diesem Betrug geprägt. Und die Politik? Politik springt vielleicht mal auf einen fahrenden Zug. Aber Politik verändert kaum aus eigener Motivation die herrschende öffentliche Meinung. Sie rennt ihr hinterher. Dann macht unser Verkehrsminister ja alles richtig.

6 Apr 2019

[1] https://www.welt.de/regionales/rheinland-pfalz-saarland/article173989049/Mainz-blickt-nach-Leipzig-Urteil-zu-Diesel-Fahrverboten.html?wtrid=onsite.onsitesearch

[2] https://www.bild.de/geld/wirtschaft/wirtschaft/audi-wegen-abgas-schummel-us-justiz-klagt-vier-ex-manager-an-59617442.bild.html

[3] https://www.merkur.de/politik/grenzwerte-schulze-spd-haelt-tempolimit-unrealistisch-gute-nachrichten-fuer-dieselfahrer-zr-11761397.html

[4] https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/urteil-vw-haendler-muss-schummel-diesel-zuruecknehmen-60262390.bild.html

AUTOREN

Eric Wallis

TAGS

Dieselskandal

Andreas Scheuer

Verkehrsministerium

Abgase

ARTIKEL ZUM THEMA

„Klimaschutz“ als Modewort: Dem Klima ist das Klima egal

Ständig geht es um „Klimaschutz“ und „Klima retten“, als wäre das Klima ein seltenes Tier. Die Begriffe lenken vom Wesentlichen ab.

Framing mit dem Begriff „Schicksalswahl“: Wahlen sind nie Schicksal

Ein Unwort ging um bei der Europawahl: „Schicksalswahl“. Das ist nicht nur unlogisch, sondern auch auf eine gefährliche Weise bequem.

Kommentar Dieselskandal: Die Autoindustrie ist nicht lernfähig

Die Wirtschaft wiederholt immer dieselben Fehler, von den Kohlebaronen bis zu den Banken. Sie schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft.

Abgas-Skandal bei Volkswagen: Ex-VW-Chef Winterkorn angeklagt

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig will Martin Winterkorn und weiteren vier Ex-VW-Topmanagern den Prozess machen. Der Vorwurf lautet: schwerer Betrug.

Zahlen aus dem Verkehrsministerium: 1,2 Millionen Diesel ohne Updates

Hersteller haben die Nachrüstfrist zum Jahresende 2018 teils ignoriert. Verkehrsminister Scheuer habe sich von der Autoindustrie vorführen lassen, meinen die Grünen.

Diesel-Fahrverbote: Viele Ausnahmen, wenig Kontrollen

Koalition beschließt umstrittene Regeln für Diesel-Fahrverbote. Automatische Überwachung gibt es nicht. Die Grünen bezweifeln die Wirksamkeit.

Diesel- versus E-Lkw: Daimler für Diesel-Dresche

Der Chef der weltgrößten LKW-Sparte fordert, dass das Fahren von Lastwagen mit Verbrennungsmotor teurer und das mit Elektroantrieb billiger wird.

Streit um Luftschadstoffe: Generalanwältin stärkt Dieselverbote

Wo muss gemessen werden, um Luftschadstoffe nachzuweisen? Die Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofs legt dazu ein wichtiges Gutachten vor.

Proxied content from gemini://taz.de/%215583600 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215583600
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.