taz.de -- Die Wahrheit: 100 Weiße Rosen des Widerstands

Immer öfter schließen sich neuerdings Schrebergärten harkende Pappnasen in Hundertergruppen zusammen, um gegen Unrecht anzutreten.

Es ist ja richtig, dass in diesem Land jeder fast alles sagen darf. Aber muss man deshalb auch wirklich jedem zuhören?

Erst waren es 107 Lungenärzte, die die wissenschaftliche Grundlage von Feinstaubgrenzwerten anzweifelten. 107 Lungenärzte, die irgendwo in den Metropolen Starkenberg-Kleinröda, Ottmarsbocholt oder auch Villingen-Schwenningen-Herzogenweiler eine Praxis unterhalten, in der sie älteren Leuten mit einem Stethoskop auf dem Brustkorb herumdrücken. 107 Fachleute für rasselnden Atem und röchelnden Husten, aber eben nicht für wissenschaftliche Fragen zu Umweltschadstoffen.

Aber die 107 Lungenärzte sind nicht allein. Genau 100 Pappnasen haben sich als Erstunterzeichner auf Initiative des „Vereins für deutsches Blut und Boden“ (Sprachbild ähnlich) zur geschlechtergerechten Sprache geäußert, weil diese „lächerliche Sprachgebilde“ erzeuge. Und haben deshalb als Weiße Rose der Linguistik einen „Aufruf zum Widerstand“ verfasst: „Schluss mit dem Gender-Unfug“. Mit „Gender-Unfug“ gegen „lächerliche Sprachgebilde“, initiiert von einem Verein, der einen „Anglizismen-Index“ führt. Mehr Sprachgefühl war nie.

100 Schönsprecher, die „zerstörerische Eingriffe in die deutsche Sprache“ wittern, wenn man von Studierenden spricht und eben nicht findet, dass bei Polizisten immer auch Polizistinnen mitgemeint sind. Bei der Meldung „Fünf Polizisten lieferten sich einen Schusswechsel mit einem widerständigen Sprachverbrecher“ denkt man ja auch nicht zuerst an drei Frauen und zwei Männer, die auf Monika Maron schießen, sondern an insgesamt sechs Männer.

100 Schönsprecher wie die Sex-Bestie Kai Diekmann, dem die Ästhetik der deutschen Sprache schon immer journalistisches Hauptanliegen war; wie Sibylle Lewitscharoff, die in mithilfe der Reproduktionsmedizin zur Welt gekommenen Kindern „Halbwesen“ sieht; wie Werner Patzelt, dessen Sprachempfinden so sensibel ist, dass er, wenn Ostdeutsche „Heil Hitler!“ rufen, immer nur berechtigte Sorgen ganz normaler Bürger hört; wie Dieter Hallervorden, der mit der Wortschöpfung „palim, palim“ in den germanistischen Olymp aufgestiegen ist.

Was kommt als Nächstes? 101 Dalmatiner, die erklären, warum Katzen blöde sind? 99 Luftballons gegen ein Plastikverbot? 1 Christian Lindner, der sich gegen klimastreikende Schüler stellt mit dem Argument, so ein komplexes Thema solle man Profis überlassen? 1 Ulf Poschardt, der Greta Thunberg „extreme Ansichten“ vorwirft, aber den Marketinggag von Volvo, seine Autos nicht mehr schneller als 180 Sachen rasen zu lassen, mit „Weiter kann Entmündigung und Verachtung im Namen einer zeitgeistigen Moral kaum gehen“ kommentiert? Christian Lindner und Ulf Poschardt – zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle? Oder einfach nur Dünn und Doof?

Man darf gespannt sein, wer sich als Nächstes zu Wort meldet. Hoffen wir mal, dass es dann nicht die vier apokalyptischen Reiter sind.

15 Mar 2019

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Heiko Werning

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Schrebergärtner

Gendergerechte Sprache

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