taz.de -- Erneuerbare Energien: Windige Einladungen

Bei der Ausschreibung für Windparks an Land gingen weit über 90 Prozent der Zuschläge an Bürgerprojekte. Aber so einfach ist das nicht.

Bild: Kann man sogar anmalden: Windrad

Freiburgtaz | Vordergründig war es ein Durchmarsch: In der ersten Ausschreibungsrunde für den Bau von Windparks an Land gehörten die erfolgreichen Bewerber zu 93 Prozent in die Kategorie der Bürgerprojekte. Bezogen auf das Volumen gingen sogar 96 Prozent der Zuschläge an Zusammenschlüsse lokaler Akteure. Die Ausschreibungen waren durch die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erforderlich geworden, die an die Stelle der bisherigen fixen Einspeisevergütungen ein Auktionsverfahren setzte; wer den Windstrom am billigsten anbietet, bekommt für seine Anlagen den Zuschlag.

Bei genauerer Betrachtung ist allerdings fraglich, ob immer Bürgerenergie drin ist, wo Bürgerenergie draufsteht. Schließlich gab es Anreize für alle Bewerber, ihre Projekte unter der Flagge einer Bürgergesellschaft segeln zu lassen. So konnten Bürgerfirmen sich auch mit Projekten beteiligen, für die es noch keine immissionssschutzrechtliche Genehmigung gibt. Für Bürgerprojekte wird zudem nicht nur der Satz bezahlt, den die Initiatoren anboten, sondern jener des höchsten erfolgreichen Gebotes. Und schließlich bekommen Bürgerprojekte auch noch zwei Jahre länger Zeit, um die Anlagen ans Netz zu bringen.

Der Bundesverband Windenergie (BWE) hatte frühzeitig gewarnt, die aktuelle Ausgestaltung könne „alle Marktteilnehmer dazu einladen, ihre Projekte zu diesen Zeitpunkten als Bürgerenergiegesellschaften zu gestalten“. Im weiteren Verlauf seien die Eigentumsverhältnisse dann frei gestaltbar. Gleichwohl hielt der Gesetzgeber an der großzügigen Definition von Bürgerprojekten fest. Nicht ohne Grund: Bürger argwöhnen immer wieder, die Akteursvielfalt bei der Energiewende könne verloren gehen. Da kam die Schlagzeile nicht ungelegen, dass 96 Prozent der Zuschläge an Bürgerprojekte gehen.

Als Bürgerenergiegesellschaft gilt laut Gesetz jede Gesellschaft, die aus „mindestens zehn natürlichen Personen“ besteht, und bei der mindestens 51 Prozent der Stimmrechte bei Personen liegen, die seit mindestens einem Jahr im Landkreis leben. Der BWE hatte angeregt, das Minimum der Gesellschafter auf 50 zu erhöhen, und festzuschreiben, dass Windparks nur dann Privilegien genießen, wenn sie mindestens fünf Jahre lang in Bürgerhand verbleiben.

Dass an zahlreichen Projekten Mitarbeiter von großen Projektierern beteiligt sind, nährt nun die Spekulationen, einige der Windkraftanlagen könnten bald in das Portfolio der entsprechenden Firmen wandern. Was den BWE aber mehr sorgt, sind mögliche Folgen für den Ausbau der Windkraft. So könnten die verlängerten Fristen dazu führen, dass die Zahl der Neuanlagen schrumpft. „Keiner weiß, was 2019 und 2020 zugebaut wird“, sagt BWE-Geschäftsführer Wolfgang Axthelm. Für die Industrie sei das kritisch.

18 Jun 2017

AUTOREN

Bernward Janzing

TAGS

Bürgerenergie

Erneuerbare Energien

Windkraft

ARTIKEL ZUM THEMA

Madiatorin über Energiewende-Streit: „Das ist alles ernstzunehmen“

Bei neuen Windparks mehren sich die Konflikte mit Anwohnern und Naturschützern. Es gebe aber auch Lösungen, sagt Mediatorin Bettina Knothe.

Akzeptanzprobleme in der Windbranche: Gigantomanie und Nordfokus

Seit diesem Jahr werden Windturbinen mit einem neuen System gefördert. Es soll Ökoenergie billiger machen. Doch eigentlich gefährdet es die Branche.

EEG-Umlage sinkt leicht: Ökostrom wird immer billiger

Der Erneuerbaren-Ausbau lässt die Preise nicht mehr steigen. Union und FDP verlieren ihr zentrales Argument gegen die schnellere Energiewende.

Vogelschützer kämpfen gegen Windmühlen: Vom Winde zerschreddert

Vor 30 Jahren wurde in Schleswig-Holstein der erste Windpark in Betrieb genommen. Heute kämpfen vor allem Umweltschützer gegen neue Anlagen

Nabu Ostfriesland gegen Windräder: Anwalt des Mäusebussards

Der Naturschutzbund Ostfriesland fordert ein Ausbau-Moratorium. Für die Energiewende dürften nicht so viele Vögel sterben, finden die Naturschützer

OTB ohne Windenergie-Anlagen: Wer Windkraft sät, erntet Schwerlast

Bremerhaven sollte eigentlich der „Heimathafen der Offshore-Windenergie“ werden. Davon ist nicht mehr viel übrig – einen Schwerlasthafen soll es dennoch geben

Windkrafträder in Deutschland: Fledermäuse sind krasse Opfer

2016 wurden über 1.600 neue Windräder gebaut – das Bundesamt für Naturschutz fordert jetzt, mehr Rücksicht auf Flora und Fauna zu nehmen.

Proxied content from gemini://taz.de/%215421786 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215421786
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.