taz.de -- Auszeichnung für Journalisten: Provinzblatt gewinnt Pulitzer
3000 Exemplare Auflage, zehn Redakteure – und jetzt ein Pulitzer-Preis: die „Storm Lake Times“ gewinnt überraschend den legendären Preis.
Bild: Hätte selbst wohl am wenigsten mit dem Preis gerechnet: Art Cullen (m.), Chefrefakteur der „Storm Lake Times“
Am Montag wurden die Pulitzer Preise verkündet – die wichtigste Auszeichnung im US-amerikanischen Journalismus. Zu den Gewinnern zählt überraschenderweise auch die kleinste nominierte Zeitung: The Storm Lake Times aus dem US-Bundesstaat Iowa – Auflage: 3000 Exemplare. Art Cullen, Redakteur der Zeitung, wurde für seine Leitartikel ausgezeichnet, in denen er über die in Iowa agierenden großen Landwirtschaftsunternehmen wie Monsanto, Cargill oder Koch Brothers schrieb.
Neben Cullen waren Journalisten renommierter Zeitungen wie The Houston Chronicle und The Washington Post nominiert. Cullen kritisierte die Konzerne vor allem wegen durch Chemie verschmutztes Grundwasser. Auf der Webseite des Pulitzer-Preises werden seine Leitartikel gelobt, die „von hartnäckiger Recherchen, beeindruckender Expertise und einnehmender Schreibe geprägt sind, durch die mächtige Interessen der Agrarwirtschaft in Iowa erfolgreich herausgefordert wurden“. Cullen wurde bei seinen Recherchen unterstützt von seinem Sohn Tom – einem der zehn Mitarbeiter der kleinen Redaktion.
Der Preis ist ein schönes Symbol. Zum einen für die Bedeutung kleiner Zeitungen, die in der Medienlandschaft mit all ihren großen Leitmedien oft vergessen werden oder gar im Zuge des großen US-Zeitungssterbens schließen müssen. Und zum anderen für den oft stiefmütterlich betrachteten Lokaljournalismus, der mit einem kritischen Blick auf die Vorgänge in der eigenen Umgebung und sauberer, hartnäckiger Arbeit einiges bewirken kann.
Der Gewinn des Preises hat offenbar auch Art Cullen überrascht. „Heilige Scheiße, wir haben gewonnen“, soll er zu seinem Bruder John Cullen gesagt haben, als er seinen Namen bei der Verkündung der Gewinner hörte. Die beiden sahen sich den Livestream im Internet an. „Dann fing ich an zu schreien. Mein Bruder dachte, ich sei verrückt geworden“, sagte Cullen dem Online-Magazin Poynter.
Sein Bruder John und er haben die Storm Lake Times 1990 gegründet. Drei Jahre später wurde sie zehn Monate lang täglich gedruckt – und so wurde ihre Heimatstadt mit ihren knapp 10.000 Einwohnern die kleinste Stadt der USA mit einer eigenen Tageszeitung. Da aber nach einiger Zeit deutlich wurde, dass es nicht genug zu vermelden gibt, um Tag für Tag alle Spalten zu füllen, erschien das Blatt nur noch zwei Mal pro Woche. Ihr Anspruch, sagte Art Cullen nach dem Preisgewinn dem Guardian, sei es, „die Annahmen der Menschen in Frage zu stellen. Und ich denke, das ist genau das, was jede gute Zeitung tun sollte.“
11 Apr 2017
AUTOREN
Maike Brülls
Journalismus
Medien
USA
Pulitzer-Preis
ARTIKEL ZUM THEMA
Pulitzer-Preis in den USA: #MeToo räumt ab
Der wichtigste US-Preis für Journalismus geht unter anderem an die „New York Times“ und den „New Yorker“. Auch der Rapper Kendrick Lamar wird geehrt.
Zeitung fordert Snowdens Verhaftung: Kein Pardon für die Washington Post
Die „Washington Post“ fordert, dass Edward Snowden verurteilt wird. Der Snowden, der dem Blatt den Pulitzer-Preis eingebracht hat.
„NYT“-Chefredakteur Dean Baquet: Erst investigativ, jetzt ganz oben
Der neue Chefredakteur der „New York Times“ hat viele Identitäten – und durch sie mehr Einblick in sein Land als die meisten SpitzenjournalistInnen.
Essay Journalismus und Öffentlichkeit: Das Ende vom Morgengebet
Wir brauchen Informationen, ruft die Öffentlichkeit. Aber wer braucht eigentlich die Öffentlichkeit? Verendet der Journalismus?