taz.de -- Kolumne Liebeserklärung: Preisträgerin Patti Smith

Sie ist eine Ikone, hochpolitisch und kraftvoll. Niemand könnte Bob Dylan bei der Nobelpreisverleihung besser vertreten.

Bild: Patti Smith ist die beste Stellvertreterin. Hier bei einem Auftritt im Juli

Stellvertreterin sein ist eigentlich ihre Sache nicht. Patti Smith ist eine Frontfrau – bei ihr ergibt diese Bezeichnung wirklich Sinn. Denn das Bühnendasein hat bei der New Yorker Punkikone oft mit Auflehnung zu tun. Erst recht im fortgeschrittenen Alter: Als die 69-Jährige zuletzt auf Europatour „People Have The Power“ sang, schwang diese Power in ihrer Stimme mit. Frisch und gut!

Am Samstag tritt sie bei der Verleihung des Literaturnobelpreises stellvertretend für Bob Dylan auf. Der so geniale wie stoische Preisträger reist wegen „anderer Verpflichtungen“ nicht nach Stockholm. Smith soll sein „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ singen, gemeinsam mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra.

Patti Smith ist die beste Stellvertreterin. Sie steht für Geradlinigkeit. Vor den US-Wahlen hat sie die Verrohung der amerikanischen Demokratie beklagt, den Wahlkampf als unwürdig bezeichnet. Sie ist eine Kämpferin für Liberalismus und Humanität; aber auch eine, die weiß, was die Leute hören wollen.

Als jemand aus dem Publikum bei einem Polittalk vor der Wahl „Patti for President“ schrie, sagte sie: „Ich würde eher die Böden in öffentlichen Schulen wischen, denn als Präsidentin zu kandidieren.“

In Stockholm wird sie auch all seine Fans vertreten; jene, die in seinen Songs einen ganzen Lebensentwurf sehen. Smith selbst wurde stark von Dylan geprägt. Sie vertritt zudem die 60er Counterculture, deren Verdienste mit dem Nobelpreis auch gewürdigt werden. Eine Frau, zumal eine, die Geschlechtergrenzen mit Leatherboots und Anzug locker überschreitet, ist genau die richtige.

Ästhetisch gibt es gravierende Unterschiede zwischen Smith und Dylan – diese näher an der engagierten Kunst, jener Verfechter der künstlerischen Autonomie. Auf die von Dylan eingereichte Rede, die ein Komiteemitglied verlesen soll, darf man gespannt sein. Patti Smith aber ist für die Akademie ein Glücksfall. Die Frau mit dem fransigen Haaren wird sicher so gut singen wie der Mann mit dem Zylinder – und vielleicht sogar weise Worte zur Weltlage finden.

10 Dec 2016

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Jens Uthoff

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Bob Dylan

Nobelpreis für Literatur

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