taz.de -- Böhmermann-Gedicht über Erdogan: Wenn sich sonst keiner aufregt
Das ZDF tut Jan Böhmermann den Gefallen und löscht dessen Schmähkritik an Erdogan. Die späte Tilgung ist quasi immanenter Teil der Satire.
Bild: Läuft bei ihm: Jan Böhmermann
BERLINtaz | Stell dir vor, es ist Schmähkrtitik und kein Schwein interessiert‘s. Jan Böhmermann hat am Donnerstag bei ZDF Neo ein Gedicht vorgelesen, gerichtet an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Damit dieser endlich mal lerne, was in Deutschland erlaubte Satire sei ([1][zum Beispiel das Lied von den „extra3“-Kollegen]) und was unerlaubte Schmähkritik (zum Beispiel die Reime von Böhmermann).
„Das, was jetzt kommt, darf man nicht machen“, so läutete Böhmermann in seinem „Neo Magazin Royale“ das Gedicht schon ein. Und dann kam etwas von „Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner“ und „Am liebsten mag er Zicken ficken“ und „Fellatio mit hundert Schafen“ und „Schrumpelklöten“ und „schwul, pervers, verlaust und zoophil“ und ja, man begriff schnell, worauf Böhmermann hinaus wollte und will.
Am Freitag hat das ZDF diesen Teil von Böhmermanns Sendung dann gelöscht. Erst aus der Mediathek, anschließend hat der Sender – bevor die Show auch im Hauptprogramm lief – die Schere angesetzt und das Gedicht rausgeschnitten. Grenzen der Satire und Ironie seien „klar überschritten“ worden, der Beitrag entspreche „nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt“ und so weiter.
Jaja, die alten Satire-Qualitätsansprüche, wohl noch von Tucholsky persönlich auf dem Mainzer Lerchenberg hinterlegt – oder was? Schlimm, dieses ZDF! Bräsig! Ein Sieg für Erdogan! Der Kotau vor dem Despoten! Und: ZENSUR!
Doch wer glaubt, dass sowas Zensur sei, der glaubt auch, dass Heidi Klum sich vor der Kamera ganz natürlich gibt.
Zuvor passierte: nichts
Das ZDF hat mit seiner Löschung nichts anderes gemacht als Böhmermanns Spiel mitzuspielen. Es hat ihm womöglich sogar den Arsch gerettet. Denn nachdem Böhmermann sein Schmähgedicht am Donnerstag veröffentlicht hatte, passierte: nichts. Zumindest nichts, was die Schwelle zur Wahrnehmbarkeit überschritt. Ist blöd, aber passiert halt mal, wenn man ständig Satirisches oder Ernstes oder irgendwas rausballert. Mal gibt es Resonanz, mal nicht.
Schlecht ist das nur, wenn man in den Beitrag die spätere Resonanz schon einpreist, die spätere Löschung quasi immanenter Teil der Satire ist. „Unter Umständen nimmt man das aus der Mediathek“, hieß es schon in der Sendung. Dann wurde davon geredet, wie nun gegen diese Schmähkritik vorgegangen werden könnte: Anwalt nehmen, klagen und so. Nur leider hat das dann niemand gemacht. Noch nicht einmal Erdowie, Erdowo, Erdogan.
Da musste halt das große ZDF helfen – und löschen. Denn jetzt wird – oh Wunder – der Beitrag doch tatsächlich [2][von ganz vielen Schelmen wieder hochgeladen und bei Vimeo und Co. verbreitet]. Gegen die Zensur! Für die Pressefreiheit!
Vive la Inszenierung!
2 Apr 2016
LINKS
[1] http://www.taz.de/!5287127/
[2] https://youtu.be/BfRttWtis6U
AUTOREN
Jürn Kruse
ZDF
Jan Böhmermann
Recep Tayyip Erdoğan
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