taz.de -- EU-Afrika-Gipfel auf Malta: Der europäische Monolog

Europa und Afrika wollen die Flüchtlingsbewegungen eindämmen. Kritiker befürchten mehr Zusammenarbeit der EU mit repressiven Regimen.

Bild: Wie ein Popstar wird dieser umverteilte Flüchtling in Italien zu seinem Flugzeug nach Schweden begleitet.

Brüsseltaz | Wenn europäische und afrikanische Regierungen miteinander über Flucht und Migration reden, lautet das Thema: Kampf gegen „Fluchtursachen“ durch Stabilität, Arbeitsplätze, Bildung und Kleinkredite, mehr Investitionen und billigere Geldüberweisungen.

All dies steht auch im „Aktionsplan“ der EU, den 63 Staats- und Regierungschefs aus Europa und Afrika bei ihrem zweitägigen Gipfel in Maltas Hauptstadt Valletta ab Mittwoch verabschieden wollen. Studentenaustausch, mehr Rettungsoperationen im Mittelmeer und mehr Hilfe für afrikanische Aufnahmeländer von Flüchtlingen kommen ebenfalls vor.

Aber das eigentliche Thema ist die illegale Migration und der Kampf gegen „Schleuser“, die Afrikaner nach Europa bringen. Europa möchte diese Aktivität als organisierte Kriminalität definiert sehen und die entsprechende UN-Konvention in den Gesetzgebungen afrikanischer Länder verankert sehen.

Der Aktionsplan von Valletta sieht einen besseren Informationsaustausch auf Interpol-Ebene über Menschenschmuggel vor, außerdem polizeiliche Zusammenarbeit zwischen Herkunfts-, Transit- und Zielländern von Flüchtlingen. Das betrifft die Überwachung von Telekommunikation und Seewegen oder auch die Feststellung der Nationalität von Flüchtlingen, die unterwegs ihre Papiere vernichtet haben.

Anfang 2016 sollen dafür afrikanische Grenzpolizisten in zehn EU-Länder eingeladen werden. Geplant ist auch ein Informationszentrum in Agadez, Niger. Dort soll Migranten geholfen werden, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Die wichtigste Geldquelle dafür ist ein Topf von 1,8 Milliarden Euro aus dem europäischen Entwicklungsfonds, den EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im September vor dem EU-Parlament vorstellte. Je 750 Millionen Euro sind für die Sahelstaaten und die Länder am Horn von Afrika vorgesehen, 300 Millionen für Nordafrika.

Ausbildungsplätze für Rückkehrer

Das konkrete Vorgehen erprobte die EU im Oktober bei einer Somalia-Geberkonferenz. Somalias Premierminister Omar Abdirashid Ali Sharmake flog mit Zusagen von 105 Millionen Dollar nach Hause. Das Geld fließt aber nicht an die Regierung, sondern in Ausbildungs- und Arbeitsplätze für 10.000 Rückkehrer aus den gigantischen somalischen Flüchtlingslagern von Dadaab, Kenia. Wenn dieses Pilotprojekt Erfolg hat, könnte es auch für somalische Rückkehrer aus Europa angewandt werden. Somalia ist allerdings noch Bürgerkriegsland, kaum jemand kehrt dahin zurück, erkannte auch die Geberkonferenz.

Das Grundproblem des Valletta-Aktionsplan besteht darin, dass er die Prioritäten Europas widerspiegelt, nicht die Prioritäten Afrikas. „Wir hören von der EU einen Monolog, mit dem sie bloß ihre eigene Agenda durchsetzen will“, klagte ein hochrangiger afrikanischer Teilnehmer beim letzten Vorbereitungstreffen zum Valletta-Gipfel in Ägypten.

Immer noch gehen die Regierungen von Österreich, Polen und Litauen davon aus, dass die afrikanischen Staaten mehr EU-Entwicklungshilfe bekommen, die ihre illegalen Auswanderer zurücknehmen. Dies führt dazu, dass die skrupellosesten afrikanischen Diktatoren Europas pflegeleichteste Partner sind. Eritreas Diktator Isaias Afeworki gehöre nach Den Haag, nicht nach Valletta, sagt die italienische Grünen-Abgeordnete Barbara Spinelli. Kooperation mit Diktatoren wie in Eritrea oder Sudan, sagt Kloé Tricot von der britischen Organisation Saferworld, sei kein probates Mittel zur Eindämmung von Flucht.

Ein weiteres praktisches Problem betrifft die uneinheitliche Regelung: Definitionen von Flüchtlingsstatus gibt es so viele wie EU-Länder.

11 Nov 2015

AUTOREN

Francois Misser

TAGS

Schwerpunkt Flucht

Afrika

Rückkehrer

ARTIKEL ZUM THEMA

Debatte Fluchtursachen in Afrika: Die wahren Gründe des Exodus

Viele fordern, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Warum mehr Entwicklungshilfe zunächst jedoch zu mehr Flüchtlingen führt.

Kommentar EU-Afrika-Gipfel auf Malta: Anreize für den Flüchtlingsstopp

Die EU erwartet Mithilfe bei der Wiederherstellung der Sicherung ihrer Außengrenzen. Die afrikanischen „Partner” haben kaum eine Wahl.

Kommentar Aushöhlung des Asylrechts: Keine Flüchtlinge zweiter Klasse!

Die Bundesregierung demontiert in hohem Tempo und ohne Weitsicht das Asylrecht. Ein deutliches Signal dagegen ist überfällig.

UN-Zahlen zu Mittelmeer-Flüchtlingen: Neuer Rekord im Oktober

Im vergangenen Monat flohen fast so viele Menschen übers Mittelmeer wie im gesamten Vorjahr. Einer der Gründe ist der nahende Winter.

Flüchtlingspolitik auf Malta: Europas Zukunft

Das European Asylum Support Office ist eine Behörde auf Malta. Hier könnte der Schlüssel zur Lösung der Flüchtlingskrise liegen.

USA und Italien retten Flüchtlinge: Großeinsatz auf dem Mittelmeer

Über zwanzig Flüchtlingsboote sind am Sonntag auf dem Mittelmeer Richtung Europa unterwegs. Malta, Italien und die USA haben Rettungsschiffe entsandt.

Europa wehrt Flüchtlinge ab: Afrikanische Odyssee im Mittelmeer

Die EU wehrt sich mit Händen und Füßen gegen eine Aufnahme von schiffbrüchigen Afrikanern. Und offenbart dabei nur eins: eine brutale Erbarmungslosigkeit.

Proxied content from gemini://taz.de/%215246699 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215246699
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.