taz.de -- Europas Züge nach dem Thalys-Angriff: Angst vor der Freiheit

Müssen nach dem vereitelten Angriff auf einen Thalys-Zug mehr Kontrollen her? Die gibt es jetzt schon – aber nicht einheitlich.

Bild: Der Thalys ist in Brüssel gut bewacht.

Brüsseltaz | Muss der europäische Bahnverkehr besser gegen mögliche Terrorattacken an Bord geschützt werden? Über diese Frage ist nach dem bewaffneten Angriff in einem Thalys-Schnellzug nach Paris eine heftige Debatte entbrannt. Während Belgien und Frankreich zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen fordern, will die EU-Kommission nicht am Schengensystem des grenzenlosen Verkehrs rütteln.

Bei der Attacke am vergangenen Freitag hatte ein mutmaßlicher Islamist die Zugreisenden mit einer Kalaschnikow und einem Messer angegriffen. Der Täter, ein 25-jähriger Marokkaner, konnte von Passagieren überwältigt werden. Nach dem Attentat forderte der belgische Premier Charles Michel, das Schengenabkommen an die Terrorgefahr anzupassen.

„Man müsste zum Beispiel mehr Personen- und Gepäckkontrollen in internationalen Zügen möglich machen“, sagte Michel. „Wir wollen nicht die Reisefreiheit einschränken, sondern uns einer neuen Bedrohung stellen“, so der liberale belgische Politiker. Am Montag reiste er nach Paris, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Beide Länder schicken bereits mehr Polizisten in den Thalys zwischen Brüssel und Paris.

Deutschland, das ebenfalls vom Thalys angesteuert wird, hat hingegen noch keine verschärften Kontrollen angekündigt. Auch in anderen EU-Ländern gelten teils widersprüchliche Regeln. So müssen sich Reisende im Eurostar von Brüssel nach London Leibesvisitationen wie im Flugzeug unterziehen, auch in Spanien werden die Schnellzüge systematisch kontrolliert. Von einheitlichen Regeln ist die EU trotz der Terrorgefahr weit entfernt.

Keine Grenzkontrollen

Das soll sich nun ändern, kündigte die EU-Kommission an. Die Thalys-Attacke habe eine „europäische Dimension“ und rufe nach einer „gemeinsamen Antwort“. Allerdings hat es die Brüsseler Behörde nicht eilig. Zunächst will sie eine Expertengruppe für die Sicherheit im Bahnverkehr konsultieren, die bereits seit 2012 tagt. Danach soll sich der EU-Gipfel im Oktober damit befassen.

Eines schließt die Kommission jedoch bereits aus: die Wiedereinführung von Grenzkontrollen, wie sie auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise diskutiert wird. „Die Reisefreiheit ist eine der größten Errungenschaften der EU, sie steht nicht zur Disposition“, betonte ein Behördensprecher. Allenfalls könnten befristete Kontrollen geduldet werden.

24 Aug 2015

AUTOREN

Eric Bonse

TAGS

Terrorismus

Thalys

Bahnverkehr

ARTIKEL ZUM THEMA

Kommentar Bahnsicherheit in Europa: Das Drei-Klassen-System

Anders als Paris will Berlin keine einheitlichen und systematischen Kontrollen im Bahnverkehr. Das ist gut, greift aber doch zu kurz.

Konsequenzen aus Thalys-Anschlag: Namenstickets und mehr Kontrollen

Europas Verkehrs- und Innenminister wollen Bahnfahren sicherer machen – mit multinationalen Patrouillen und mehr Austausch über „verdächtige Personen“.

Schweizer Bahntaktsystem als Vorbild: Deutscher Zugverkehr bald in-takt?

Eine Studie zeigt jetzt: Ein integrierter Taktfahrplan im deutschen Bahnverkehr ist machbar. Allerdings frühestens im Jahr 2030.

Die Wahrheit: Brotwehr ist Notwehr

Nach dem Thalys-Anschlagsversuch müssen auch die Europäer mehr Eigeninitiative bei der Terrorabwehr zeigen.

Schüsse in französischem Schnellzug: Orden und Zweifel

Die Passagiere, die den Thalys-Schützen stoppten, sind nun „Ritter der französischen Ehrenlegion“. Am Motiv des Täters gibt es Zweifel.

Schüsse in französischem Schnellzug: Schütze mutmaßlicher Islamist

Möglicherweise sind Hunderte Fahrgäste auf dem Weg nach Paris nur knapp einem Blutbad entkommen. Mutige Passagiere überwältigen den Angreifer.

Proxied content from gemini://taz.de/%215222528 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215222528
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.