taz.de -- Kommentar: Urteilen über fremde Länder: Außenpolitik durch Richter
Die bundesdeutschen Gerichte blendeten im Piratenprozess die Verhältnisse in Somalia aus
Es ist erschreckend, mit welcher Ignoranz es sich deutsche Gerichte anmaßen, über die Verhältnisse in anderen – geografisch oder auch kulturell – weit entfernten Ländern zu urteilen. Es ist schon traurig, wenn sich ein Gericht, das sich fast zwei Jahre lang mit der Piraten-Problematik vor Somalia befasst hat, von den Verhältnissen in dem Land selbst, die ehrbare und fleißige Fischer zu Piraten werden lassen, offenbar immer noch überhaupt keine Ahnung hat.
Ähnliches war vor kurzem auch in dem Verfahren gegen den Kurden Ali Ihsan Kitay zu beobachten, der sich in Deutschland wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung – der kurdischen Arbeiterpartei PKK – verantworten musste. Die politischen Hintergründe des türkisch-kurdischen Konflikts wurden in dem Prozess komplett ausgeblendet.
Auch im Piratenprozess kam immer wieder der Hinweis der Verteidigung, dass ein notwendiger Teil der Wahrheitsfindung in Somalia liegt. Dass Gerichte dieser Aufklärungspflicht nicht nachkommen, liegt daran, dass die Justiz zunehmend ein Faktor der Außenpolitik geworden ist. Am Bosporus gilt es, den Nato-Partner Türkei nicht zu provozieren, und am Horn von Afrika, der deutschen Handelsflotte einen unbeschwerten Weg zu bahnen. Daher hätten die Piraten nicht vor ein Hamburger, sondern vor ein internationales Gericht gehört, das alle Facetten des Konflikts in der Region beleuchtet.
19 Feb 2013
AUTOREN
Kai von Appen
ARTIKEL ZUM THEMA
Osnabrücker Piraten-Prozess: Strafe für Schiffs- und Menschenraub
Für die Entführung eines deutsches Frachters muss ein Somalier zwölf Jahre hinter Gitter. Die Geiselnehmer hatten die Schiffsbesatzung acht Monate festgehalten.
Hamburger Piratenprozesses: Piraten-Unterstützer befreien Geisel
Beobachter des Hamburger Piratenprozesses bringen das Lösegeld für den gekidnappten Sohn eines der Angeklagten auf.