taz.de -- EU-Vorstoß zum CO2-Ausstoß gescheitert: Klimaschutz muss warten

Die UN kann sich nicht auf einheitliche CO2-Abgaben für Airlines einigen. Der innereuropäische Emissionshandel verliert damit jede Wirkung für den Umweltschutz.

Bild: Noch gibt es für Airlines keinen einheitlichen Tarif zum Kauf von Verschmutzungsrechten

MONTREAL/BRÜSSEL rtr | Die Europäische Union steht mit ihren Vorschlägen zur Beteiligung von Fluggesellschaften am Klimaschutz vor einer Niederlage. Die in der UN-Luftfahrtorganisation ICAO (International Civil Aviation Organisation) organisierten Staaten einigten zwar auf die Einführung eines marktbasierten Systems für den CO2-Emissionshandel bis 2020. Sie lehnten in Montreal aber den EU-Vorschlag ab, in der Zwischenzeit ein eigenes Konzept für internationale Flüge zu etablieren. Dieses hätte unter anderem alle Airlines zum Kauf von Verschmutzungsrechten verpflichtet, wenn ihre Flüge durch den europäischen Luftraum führen.

Analysten zufolge ist eine Konsequenz der Entscheidung, dass das europäische System nur auf Flüge innerhalb des EU-Luftraumes angewandt werden kann. Damit würden rund 60 Prozent weniger Flüge abgedeckt als geplant. Vor allem Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet dürften darin einen Wettbewerbsnachteil sehen, weil sie größtenteils nur Ziele in Europa ansteuern. Der Verband der europäischer Billig-Airlines erklärte, wenn nur Flüge erfasst würden, die in der EU starten und landen, sei das System unter Umweltaspekten völlig ineffektiv.

Laut der Resolution - die noch von der gesamten Versammlung am Freitag verabschiedet werden muss - soll bis zur nächsten ICAO-Versammlung 2016 ein globales, marktbasiertes Systems entwickelt werden. Auf dessen Grundlage sollen die Airlines dann ihren CO2-Ausstoß reduzieren. Vor allem im Europäischen Parlament war ein sehr viel strengeres System gefordert worden.

Grüne Kritk

Die Grünen-Abgeordnete Rebecca Harms kritisierte die Entscheidung in Montreal scharf: "Wir dürfen nicht unser Instrument zur Senkung der Emissionen im Flugverkehr zur Disposition stellen, wenn wir nichts als Gegenleistung erhalten als die vage Aussicht, dass es irgendeine Art globaler Regelung bis 2016 geben könnte." Die Rolle Deutschlands habe die Verhandlungsposition zusätzlich geschwächt. Reuters hatte am Mittwoch unter Berufung auf Insider berichtet, Deutschland, Frankreich und Großbritannien seien in Montreal zu Zugeständnissen bereit.

Die EU hatte schon 2012 ihre international umstrittenen Vorschriften für den Treibhaus-Ausstoß zunächst für ein Jahr ausgesetzt. Damit sollte die ICAO Zeit für eine international einheitliche Regelung bekommen. Vor allem China, die USA, Indien und Russland hatten eine Beteiligung ihrer Airlines an dem CO2-Handel abgelehnt. Anfang September war die EU noch weiter auf die Verhandlungspartner zugegangen und hatte vorgeschlagen, nur den Teil einer Flugstrecke zu erfassen, der über dem Luftraum der EU zurückgelegt wird. Aber auch damit waren etwa Argentinien oder Russland in Montreal nun offenbar nicht einverstanden.

Die EU-Delegation sei nach der ICAO-Abstimmung "lädiert" gewesen, sagte ein Vertreter. Litauens stellvertretender Verkehrsminister Arijandas Sliupas lobte dagegen die Resolution: "Sie gibt uns die Möglichkeit, Verhandlungen über ein globales System zu beginnen. Das ist der größte Fortschritt, nicht nur für Europa, sondern für alle ICAO-Staaten." Litauen hat derzeit den Vorsitz im EU-Rat inne. Auch EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard zeigte sich zufrieden. Nun müsse man sich anschauen, wie mit dem EU-System bis 2020 weiter verfahren werden soll.

Der Emissionshandel ist ein zentrales Instrument der EU im Kampf gegen den Klimawandel. Energieversorger, Industriebetriebe und Airlines sollen darin Zertifikate erwerben, mit denen sie das Recht erhalten, bestimmte Mengen an Kohlenstoffdioxid auszustoßen. Das System ist umstritten, weil die Preise für die Zertifikate in diesem Jahr deutlich gesunken sind und die Firmen damit weniger Anreize haben, ihren CO2-Ausstoß zu drosseln.

4 Oct 2013

TAGS

Airline

CO2-Emissionen

Schwerpunkt Klimawandel

Europäische Union

ARTIKEL ZUM THEMA

EU will Fluggastrechte stärken: Machtkampf um die Lufthoheit

Das Europaparlament will Flugpassagiere bei Problemen künftig früher entschädigen. Der Industrielobby gefällt das gar nicht.

Mit Vollgas in die Klimakatastrophe: Fliegen wird wieder billiger

Union und SPD wollen die Extrasteuer auf Flüge abschaffen, die erst 2011 eingeführt wurde. Sie beugen sich damit dem Druck der Industrie.

Zu viel CO2: UNO fordert Vollbremsung fürs Klima

Laut einer neuer Studie stößt die Welt 2020 etwa 59 Milliarden Tonnen CO2 aus. Um Klimarisiken zu vermeiden, sind aber 44 Milliarden das Limit.

CO2-Ranking der Fluggesellschaften: TunisAir fliegt klimafreundlicher

Der Airline Index von Atmosfair zeigt: Fluggesellschaften verbessern zwar ihre Energieeffizienz – aber der Gesamtausstoß an CO2 steigt.

Debatte um strengere EU-Abgasnormen: Und Deutschland bremst mal wieder

Weil Deutschland sich querstellt, wird es vorerst keine enger gefassten Abgasnormen in Europa geben. Greenpeace kritisiert die deutsche Blockade scharf.

Treibhausgase in Österreich: Kohl fürs Klima

Ein einzigartiger CO2-Deal: Bauern in Österreich binden Treibhausgase und werden dafür von Firmen bezahlt. Diese werben dann mit Klimaneutralität.

CO2-Verringerung in USA: Erst einmal tief Luft holen

Die Umweltschutzbehörde EPA legte einen Entwurf für die Begrenzung des CO2-Ausstoßes bei neuen Kraftwerken vor. Bis 2030 soll er halbiert werden.

Kein Emissionshandel im Ausland: Beim Klima hört die EU auf China

Airlines müssen für Flugreisen von Europa auf andere Kontinente nicht mehr Verschmutzungsrechte für ganze Strecke zahlen. Die EU ist eingeknickt.

Fluglärm in Deutschland: Lotsen leiten Airlines auf Abwege

Wo ein Flugzeug fliegt, entscheidet die Deutsche Flugsicherung. Dabei gibt es viel mehr Abweichungen als gedacht.

Emissionshandel der EU: Klimaschutz nicht ganz tot

Der CO2-Ausstoß soll für die Industrie teurer werden. Das EU-Parlament hat einer Reform zugestimmt. Jetzt warten alle auf die Deutschen.

Proxied content from gemini://taz.de/%215057796 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215057796
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.