taz.de -- Kommentar zu Flüchtlingen: Der Senat steht unter Druck

Was am Oranienplatz und in der besetzten Schule geduldet wird, ist am Breitscheidplatz ein Grund für Räumung. Nachvollziehbar ist das nicht.

Bis vor zwei Tagen war klar: Wegen Verstößen gegen die Residenzpflicht muss sich im Berliner Flüchtlingsprotest niemand Sorgen machen. Dieses Vergehen, nahezu Voraussetzung für die Selbstorganisation von Flüchtlingen, wurde von den Berliner Behörden nicht geahndet. Nicht, dass die Verstöße ein Geheimnis gewesen wären: Auf dem Marsch von Würzburg nach Berlin, dem Beginn der aktuellen Proteste, überschritten die Flüchtlinge mehrfach und teilweise vor Kameras die Grenzen ihrer Landkreise und verstießen so öffentlich gegen das Gesetz, das es nur in Deutschland gibt, hier seit Jahren kritisiert wird und in mehreren Bundesländern mittlerweile abgeschafft ist.

Die gleichen Flüchtlinge machten auch in ihrem Protestcamp am Oranienplatz immer wieder klar, dass ihr Aufenthalt in Berlin einen bewussten und gewollten Verstoß gegen die Residenzpflicht bedeutete. Gewaltsam zurückgebracht wurden sie trotzdem nie.

Was am Oranienplatz und in der besetzten Schule geduldet wird, ist wenige Kilometer weiter am Breitscheidplatz plötzlich ein Grund für Räumung und Abtransport – nachvollziehbar ist das nicht. Der nun vollzogene Politikwechsel zeigt, dass es Berlin weiterhin an einem Konzept für den Umgang mit dem nicht abreißenden Flüchtlingsprotest fehlt. Paradoxerweise sind deshalb selbst die Ereignisse vom Breitscheidplatz ein Erfolg für die Flüchtlingsbewegung: Wer so widersprüchlich und unsouverän handelt wie momentan der Berliner Senat, muss schließlich ziemlich unter Druck stehen.

22 May 2014

AUTOREN

Malene Gürgen

TAGS

Senat

Flüchtlinge

Abschiebung

Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Oranienplatz-Flüchtlinge in Berlin: Erste Abschiebung droht

Der Senat versprach den Protestierenden Abschiebeschutz. Nun bricht er sein Wort: Am Donnerstag soll ein 27-Jähriger Deutschland verlassen.

Neues Heim für Flüchtlinge: Die Winterzeit ist vorbei

80 Flüchtlinge, deren Unterkunft im Wedding geschlossen wird, ziehen bald nach Neukölln. Bischof Dröge kritisiert den Senat.

Kommentar zu Flüchtlings-Registrierung: So löst man keine Probleme

Der Senat versucht, seine Verantwortung für die Flüchtlinge wieder loszuwerden. Das ist beschämend.

Flüchtlinge in Berlin: Ende der Schonzeit

Markiert die Räumung des Breitscheidplatzes eine Zäsur in der Berliner Flüchtlingspolitik? Die Gesprächsbereitschaft sei beendet, meint die Opposition.

Flüchtlinge an der Gedächtniskirche: Flucht vor dem Finale

An der Gedächtniskirche wollen sich die Dortmund-Fans vor dem Pokalfinale treffen. Flüchtlinge, die auf dem Platz protestieren, dürfen in der Kirche Schutz suchen.

Asyl: Ein Obdach nur an der Kirche

Die afrikanischen Flüchtlinge vom Alexanderplatz haben ihren Hungerstreik beendet und sind zur Gedächtniskirche umgezogen – ihr Wunsch nach Kirchenasyl dort wurde abgelehnt

Proxied content from gemini://taz.de/%215041697 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215041697
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.