taz.de -- „Polizeiruf 110“ aus Rostock: Jo, ist nun mal so
Im Rostocker „Polizeiruf“ wird's wieder unkuschelig – deshalb hat er auch weniger Zuschauer als der „Tatort“. Doch einschalten lohnt sich.
Bild: Keine Kuschel-Ermittler: König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) im Einsatz.
Die Welt ist ungerecht. Und wer denkt, sie würde durch den Sonntagabendkrimi zumindest ein bisschen gerechter, der irrt. Der irrt gewaltig. Da hat sich oben in Rostock ein starkes Ermittler-Duo König/Bukow gefunden, das großartige Arbeit abliefert, nachvollziehbare Charaktere spielt – und am Ende gucken doch knapp zwei Millionen Zuschauer weniger zu als beim [1][Konstanzer Weinfest rund um den Bodensee]. Jo, ist nun mal so, würde Bukow sagen.
In Konstanz spielt halt ein „Tatort“. Und König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) ermitteln nur im Auftrag des „Polizeiruf 110“. Da bleibt jeder fünfte Zuschauer weg. Ein Fehler. [2][Das beweist auch der aktuelle Fall aus Rostock: „Sturm im Kopf“.] Wie immer ganz unkuschelig. Und wie immer fast ohne Vornamen.
Nur der Vorspann, der mit seiner lauten Musik, den schnellen Schnitten und den kurzen ruhigen Einstellungen dazwischen einem Trailer gleicht, erschließt sich nicht. Vielleicht wollten die Macher auch die „Polizeiruf“-Verächter für sich gewinnen.
Egal, geht ja nur ein paar Sekunden lang. Dann ist Stille. Der Wald, ein Wurm, ein verlassenes Auto klebt am Baum, nur die Scheibenwischer sind zu hören, wie sie über die Frontscheibe quietschen. Ein kleines Mädchen öffnet den Wagen. Ein verwirrter Mann hinter ihr. „Hallo.“ Schnitt.
Eine Leiche auf einem Industriegelände. Ein Schuss in den Kopf, vier in den Körper. Der Tote war Chef einer Windparkfirma. Er plante ein großes Offshore-Kraftwerk. Das Wirtschaftsministerium mischt sich ein. Und dann ist da noch dieser ominöse Autounfall von 2007.
Während sich viele andere 90-Minüter irgendwann in den diversen Fäden verheddern und ein überstürztes Ende finden müssen, behalten Florian Oeller (Buch) und Christian von Castelberg (Regie) alle Stränge in der Hand und führen sie peu à peu zusammen – und es bleibt gar Zeit für mehr als ein großes Finale. Jo, ist so.
1 Mar 2015
LINKS
[1] http://www.taz.de/Tatort-aus-Konstanz/!154249/
[2] http://www.youtube.com/watch?v=n-X6GdafOcE
AUTOREN
Jürn Kruse
Rostock
Polizeiruf 110
Charly Hübner
ARTIKEL ZUM THEMA
Doppelfolge „Polizeiruf“: Der bessere „Tatort“
Erstmals lässt die ARD zwei „Polizeiruf“-Teams zusammen ermitteln. Die Krimireihe tritt endgültig aus dem Schatten des großen Bruders.
Polizeiruf aus München: Die Welt auf Abstand halten
Ein Kommissar, der nichts an sich heranlässt, und nicht weniger verschlossene Möbelwelten. Ja, ganz leise, leichte Momente gibt es in diesem Krimi auch.
„Tatort“ aus Kiel: Alles ganz falsch machen
In Kiel-Gaarden wird eine Leiche gefunden. Gaarden gilt als Schmuddelbezirk. Ein sozialkritischer „Tatort“ über Armut und Perspektivlosigkeit, der leider kalt lässt.
Sozialkrimi „Unter Verdacht“: Das Geschäft mit den Toten
Die internen Ermittler Prohacek und Langner spüren einem Pflegebetrüger nach, untersuchen aber eigentlich das Innere des Polizeiapparats.
„Polizeiruf 110“ aus Magdeburg: Ein einfacher Fall
Ein Wachmann wird erschlagen, 12.000 Smartphones sind weg, der Mörder wird gesucht. Der aktuelle „Polizeiruf“ ist ausnahmsweise ein ganz normaler Krimi.
Polizeiruf 110 aus Rostock: Wodka hilft
Eine Frau wird erschlagen, eine Tochter bleibt über: Laut dröhnt das Schweigen im neuen „Polizeiruf 110“, der Nebenschauplätze angenehm maulfaul ignoriert.
Polizeiruf-Action in Rostock: Mafiosi und Medikamente
Korrupte Beamte, eine Serbenbande und gefälschte Medikamente. Die Rostocker Polizeiruf-Kommissare müssen im Pharmamafia-Milieu ermitteln (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD).
Polizeiruf 110 aus Rostock: Ein Küsse halluzinierender Bulle
Ein ehemals trockener Alkoholiker ertrinkt, Paranoia wird zur Aggression, ein Schweinegriller und eine Bio-Tante fetzen sich. (Polizeiruf 110: "Aquarius", So, 20.15 Uhr, ARD)
Schauspieler Charly Hübner: Viele Wege führen zum Ruhm
Hochkultur und "Ladykracher" – die Bandbreite des Schauspielers Charly Hübner ist enorm: "Über den Tod hinaus (20.15 Uhr) und "Im Schwitzkasten" (0.20 Uhr, beide Montag im ZDF).